Kunst jenseits der Norm

Bedeutende Art Brut und Outsider Art in der Galerie art d’Oséra in Balgach.
Balgach Wer Werke von Adolf Wölfli, Hans Krüsi oder Oswald Tschirtner sehen will, denkt gewöhnlich an grosse Museen, spezialisierte Sammlungen oder Kunstorte wie Basel, Wien und Paris. Umso erstaunlicher wirkt die Ausstellung, die die Galerie art d’Oséra in Balgach ab 29. Mai zeigt. Mitten im Rheintal versammelt sie bedeutende Positionen der Art Brut und Outsider Art. Im Zentrum steht die Sammlung des verstorbenen Guy Louis Zander, der über Jahrzehnte Arbeiten zusammentrug, die sich ausserhalb des Kunstbetriebs bewegten.

Diese Kunst entstand nicht aus akademischer Schulung, nicht aus Marktstrategien und meist auch nicht aus dem Wunsch nach Anerkennung. Es sind Arbeiten von Aussenseitern, Autodidakten, Eigenwilligen und Menschen am Rand gesellschaftlicher Ordnungen. Gerade deshalb besitzen viele Blätter eine Unmittelbarkeit, die im Kunstbetrieb selten geworden ist. Nichts wirkt geglättet, nichts kalkuliert. Die Bilder behaupten sich mit roher Kraft.

Eine zentrale Figur ist Adolf Wölfli. Der Berner verbrachte einen grossen Teil seines Lebens in der psychiatrischen Klinik Waldau und schuf dort ein Universum aus Zeichnungen, Zahlen, Ornamenten und Fantasiegeschichten. Seine Arbeiten wirken bis heute eigenständig. Jeder freie Raum scheint besetzt, jede Linie Teil eines inneren Systems, das sich dem schnellen Blick entzieht und doch sofort seine zwingende Ordnung erkennen lässt.

Daneben begegnet man Schweizer Positionen wie Hans Krüsi, Ulrich Bleiker, Gusti vo Huuse oder Louis Bucher. Besonders Krüsi besitzt eine erstaunliche Direktheit. Der frühere Blumenverkäufer aus St. Gallen arbeitete auf Karton, Verpackungen oder Papierresten. Seine Motive wirken nicht für den Kunstmarkt gemacht, vielmehr scheinen sie aus dem Bedürfnis entstanden zu sein, etwas festzuhalten.

Ein Schwerpunkt führt nach Gugging bei Wien. Die dortige Institution wurde bekannt, weil man begann, die Arbeiten der Patienten nicht nur medizinisch, auch künstlerisch ernst zu nehmen. Johann Hauser und Oswald Tschirtner gelten heute als wichtige Vertreter der europäischen Outsider Art. Vor allem Tschirtners reduzierte Figuren bleiben im Gedächtnis. Oft genügen wenige Linien, um Einsamkeit, Verletzlichkeit und Stille sichtbar zu machen. Im Gegensatz zu Wölflis dicht gefüllten Bildwelten entsteht hier Wirkung aus Sparsamkeit.
Die Ausstellung stellt auch die Frage, was Kunst eigentlich ausmacht. Jean Dubuffet prägte den Begriff Art Brut für rohe, unverfälschte Kunst ausserhalb akademischer Regeln und gesellschaftlicher Erwartungen.

Heute werden viele dieser Werke international gesammelt, gehandelt und museal präsentiert. Darin liegt ein reizvoller Widerspruch: Arbeiten von Menschen, die oft isoliert lebten, haben längst Eingang in die grossen Erzählungen der Kunst gefunden.

Die Sammlung Guy Louis Zander ist keine nostalgische Rückschau und keine gewöhnliche Vernissage-Ausstellung. Sie erinnert daran, dass Kunst nicht immer aus Konzepten entsteht. Manchmal entsteht sie aus innerem Druck, aus Notwendigkeit, aus einem Drang, der stärker ist als jede äussere Ordnung. Genau deshalb bleibt sie im Kopf.