Wohlfühlabend für Fortgeschrittene

Ein aktionstheater ensemble Abend, der das Menschsein seziert.
Bregenz Im Rahmen des Bregenzer Frühlings zeigte das aktionstheater ensemble sein neuestes Stück „Human (Ich bin Mensch)“ im Theater Kosmos – und stellte gleich zu Beginn die Frage, die wie ein Damoklesschwert über dem gesamten Abend schwebt: Was passiert, wenn das aktionstheater ein Stück über das pure Menschsein macht? Zugespitzter: Was passiert, wenn es das Menschsein gegen künstliche Intelligenz spiegelt? Die Antworten, die der Abend liefert, sind divers: echte Emotionen gegen algorithmische Kälte, menschliche Unzulänglichkeiten gegen digitale Perfektion, radikale Offenheit gegen die glatte Oberfläche virtueller Diskurse. Doch eines bleibt klar: Die einzig gültige Antwort kennt nur das aktionstheater ensemble selbst.
Die Kraft des Körpers
Die unbestrittene Kraftquelle des Abends ist Isabella Jeschke. Im siebten Monat schwanger, spielt sie nicht nur eine Rolle – sie verkörpert das Thema des Abends. Ihre Präsenz ist so unmittelbar, so physisch, dass Regisseur Martin Gruber diese Realität nicht nur integriert, sondern dramaturgisch potenziert. Schwanger – Human – unmittelbarer geht es nicht. Jeschke macht aus ihrem Körper ein Argument, aus ihrer Verletzlichkeit eine Waffe.

Wie gewohnt zieht das Ensemble an einem Strang – dem berühmten und bestens bewährten roten Faden der „aktionstheater‑Dramaturgie“: schnell, pointiert, unerbittlich präzise, um mit Thomas Bernhard zu sagen: „Jedes Wort ein Treffer.“ Andreas Jähnert miaut mit der Perfektion einer realen Katze und oszilliert damit zwischen Komik und Unbehagen. Thomas Kolle liefert seine „Überlebens-Weisheiten“ mit jener stoischen Ruhe, die längst zu seiner Marke geworden ist. Kirstin Schwab taucht tief in die Welt der Melania‑Trump‑Videos ein – ein Kommentar auf dystopische Selbstinszenierung und Benjamin Vanyek brilliert als übermotivierter Kassier der Parfümerieabteilung – ein Mensch im Overdrive der Dienstleistungswelt. Grubers Textflächen sind wie immer messerscharf: jedes Wort sitzt, jede Pointe trifft, jede Überzeichnung entlarvt.
Immersion und Konstruktion
Die beiden Musiker Andreas Dauböck und Jean Philipp Oliver schaffen mit ihren Beats und Sounds eine Atmosphäre, die den Raum nicht nur füllt, sondern immersiv sind. Hervorzuheben ist auch die Videoarbeit von Resa Lut. Auf sieben Stoffbahnen im Bühnenhintergrund verteilt, Prozessionsfahnen nicht unähnlich, entwickelt sie einen puren Augenschmaus. In der Philosophie würde man von einer Synthese, Deduktion oder von Konstruktivismus sprechen. Mit einfachen „Bausteinen“ erschafft sie im Laufe des Abends hybride Körper wie wir sie aus Filmen wie „I, Robot“ kennen und projiziert diese auf die Fahnen. Martin Gruber gelingt das, was die Griechen immer schon als Hauptziel ihres Theaters ansahen: eine „Katharsis“. Man kann dies nur dankbar und sehr wertschätzend annehmen!

Martin Gruber formuliert es selbst: „Eigentlich machen wir kein Stück über künstliche Intelligenz, sondern über den real existierenden Menschen.“ Der Abend zeigt, wie sehr sich der öffentliche Diskurs ins Virtuelle verlagert hat – und wie mühsam, ja fast unzumutbar der echte Austausch in dieser ohnehin stressigen Zeit geworden ist. MAn betoniert sich lieber mit infantilen Floskel-Contents zu. „Human“ ist ein humorvoller, aber auch hochpräziser Blick auf unser Menschsein im Zeitalter digitaler Überforderung. Ein Abend der zeigt, dass das aktionstheater ensemble zu den relevantesten, mutigsten und formal stärksten Theatergruppen im deutschsprachigen Raum zählt. THS