Die Frau mit der Kamera und dem doppelten Leben

Edith Tudor-Hart im FLATZ Museum: Eine Ausstellung über Sozialphotographie, Exil und politische Verstrickung.
Dornbirn Mit Edith Tudor-Hart rückt das FLATZ Museum – Zentrum für Photographie eine Künstlerin ins Licht, deren Biografie geprägt ist von sozialem Engagement, Exil, politischer Überzeugung und geheimdienstlicher Verstrickung. Am 17. Juni um 19 Uhr wird die Ausstellung „Edith Tudor-Hart – a woman’s many faces“ eröffnet. Geboren wurde Tudor-Hart als Edith Suschitzky in eine jüdische, politisch links geprägte Familie. Früh begegnete sie sozialistischen und kommunistischen Ideen als moralischem Auftrag angesichts von Armut und Ungleichheit. Mit sechzehn ging sie nach London, um bei Maria Montessori eine Ausbildung zur Kindergärtnerin zu beginnen, später studierte sie Photographie am Bauhaus.
Ihre Kamera wurde für sie zu einem Instrument der Parteinahme. Tudor-Hart suchte nicht die repräsentativen Oberflächen einer Gesellschaft, die sich selbst gerne geordnet und zivilisiert sah. Sie fotografierte Hinterhöfe, enge Zimmer, Straßen der Arbeitslosen, Kinder vor Schaufenstern, Mütter in prekären Lebensverhältnissen und wartende Menschen. Ihre Bilder entstanden in Wien, London, im East End und in Südwales, wo Bergbau, Krankheit, Erwerbslosigkeit und Armut den Alltag bestimmten.

1933 heiratete sie den britischen Arzt Alexander Tudor-Hart und floh nach Großbritannien. Dort arbeitete sie als Dokumentarphotographin, veröffentlichte unter anderem in „The Listener“, „The Social Scene“ und „Design Today“ und richtete ihren Blick auf Wohnpolitik, Fürsorge, progressive Pädagogik und die Betreuung behinderter Kinder. Dieser Bereich berührte auch ihr eigenes Leben: Das Ehepaar Tudor-Hart trennte sich, nachdem ihr Sohn Tommy 1936 geboren wurde. Da er an Autismus litt, war sie in den 1940er Jahren ans Haus gebunden, was auch ihre Fotografie beeinflusste.
Die Ausstellung aus dem Fotohof Archiv Salzburg zeigt 88 gerahmte Photographien sowie sieben großformatige Wallpaper-Arbeiten. Sämtliche Exponate stammen aus dem Archiv des Fotohof Salzburg, der den Nachlass Tudor-Harts bewahrt. Kuratiert wird die Schau von Isabelle Drexel und Helena Kalleitner. Ein Schwerpunkt gilt dem Werk im britischen Exil, in dem Tudor-Hart Kinder in progressiven Bildungseinrichtungen photographierte und neue Ansätze der Bewegungsförderung dokumentierte. Ein Teil erschien 1952 im Lehrbuch „Moving and Growing“.
Spionin
Doch Tudor-Harts Leben führt auch in die Welt politischer Konspiration. Die Wiener Photographin arbeitete für den sowjetischen Geheimdienst und spielte bei der Vermittlung von Kontakten innerhalb jenes Netzwerks eine bedeutende Rolle, das später als „Cambridge Five“ bekannt wurde. Unter anderem war sie an der Anwerbung Kim Philbys beteiligt, der im britischen Geheimdienst Karriere machte und zugleich für Moskau arbeitete.

Die Ausstellung verzichtet bewusst auf Dokumentationsmaterial zu dieser Tätigkeit. Im biografischen Kontext bleibt sie dennoch präsent, als Teil einer Lebensgeschichte, die sich einfachen Zuschreibungen entzieht. Tudor-Hart war keine bloße Heldin der Sozialphotographie, keine Randfigur des Kalten Krieges. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es stiller um sie. Nach Philbys erster Enttarnung soll sie zahlreiche Negative verbrannt haben. Später zog sie nach Brighton und eröffnete ein Antiquitätengeschäft. Dort starb sie 1973. Heute wird Edith Tudor-Hart neu gelesen: als Photographin von Rang, deren Bilder den Entrechteten Würde geben, und als widersprüchliche Figur, die man weder verharmlosen noch auf ihr Doppelleben reduzieren darf. Die Ausstellung dauert bis zum 3. Oktober.