Wenn Dinge zu Zeugen werden

Ausstellung der Feldkircherin Monika Grabuschnigg im Kunstraum Remise Bludenz.
Bludenz Es sind Dinge, die jeder kennt, Dinge aus Wohnungen, Hotelzimmern, Apotheken, Schlafzimmern und Küchen, Dinge, die gewöhnlich nicht auffallen, weil sie zum selbstverständlichen Bestand des Alltags gehören: Kühlschränke, Decken, Verpackungen, Blisterstreifen, Augentropfen-Ampullen. Doch wenn Monika Grabuschnigg diese Gegenstände in ihre künstlerische Arbeit überführt, verlieren sie ihre Vertrautheit nicht ganz, beginnen aber zugleich, sich ihr zu entziehen. Sie werden zu Trägern von Erinnerung, zu Behältern unausgesprochener Geschichten, zu Spuren eines Lebens, das sich in Routinen, Fürsorgegesten und privaten Ordnungen abzeichnet.

Die von Christine Lederer organisierte Ausstellung im Kunstraum Remise Bludenz, die am Freitag, 19. Juni um 19 Uhr eröffnet wird und bis zum 23. Juli dauert, ist der 1987 in Feldkirch geborenen und heute in Berlin lebenden Künstlerin gewidmet. Unter dem Titel „tears don’t burn“ präsentiert Grabuschnigg Skulpturen, in denen sie Keramik mit anderen Materialien verbindet. Ihre jüngeren Werkserien kreisen um Objekte, die Dinge enthalten, schützen oder aufbewahren: Kühlschranktüren, textile Decken, Arzneimittelverpackungen, Ampullen für künstliche Tränen.
Systeme des Aufbewahrens
Die Kunsthistorikerin, Kuratorin und Autorin Luisa Seipp beschreibt Grabuschniggs neue Arbeiten als ein Nachdenken über Systeme des Aufbewahrens, der Fürsorge und des Schutzes. Eine Decke hält Wärme, ein Kühlschrank bewahrt Nahrung, eine Lederjacke behält die Form eines Körpers. In der Remise begegnet man Abgüssen von Minibar-Innenleben, verhärteten Bettdecken aus Keramik, Arzneimittelverpackungen, künstlichen Tränen und Eierhaltern.
Besonders deutlich wird das in Werkserien wie „Single Fridge“ und „Cold Storage“. Grabuschnigg hat dafür Kühlschranktüren abgeformt, meist von Geräten aus Singlehaushalten oder Hotelzimmern, und daraus Keramikreliefs gegossen. Der Kühlschrank erscheint als demokratisches, überall vorhandenes und zugleich privates Objekt. Wer ihn öffnet, blickt in eine intime Zone: Dort liegen Vorräte, Reste, Trostmittel, Diätpläne, Vernachlässigungen und kleine Rituale. In den Innenfächern ihrer Arbeiten verwahrt Grabuschnigg Fotografien von Nahrungsmitteln und Wohnräumen, Aluminiumabgüsse von Blisterverpackungen und Schnittblumen.

In Bludenz gibt die Künstlerin auch Einblicke in die Werkserie „Confession“. Darin verbindet sie Elemente eines Beichtstuhls als Readymade mit einem zur Masche gebundenen Lastengurt oder einem Kühlschrankgummi und überführt diese in Aluminiumgüsse. Häusliche Motive treffen auf rituelle Strukturen, das Private auf das Sakrale, das Zerbrechliche auf kühle metallische Härte. In die Skulpturen sind vertraute Formen aus dem Kühlschrankinneren eingelassen, darunter Eierhalter oder Einweg-Augentropfen.
Der Ausstellungstitel „tears don’t burn“ greift ein Zitat des rumänischen Philosophen Emil Cioran auf: „Tränen brennen nicht, außer in der Einsamkeit.“ Weinen verweist hier nicht auf Kollaps, vielmehr auf eine sanfte Weigerung, dem ständigen Druck des Funktionierens standzuhalten. Grabuschniggs Skulpturen illustrieren keinen Pessimismus. Sie übertragen Melancholie und Einsamkeit auf Oberflächen und Materialien.

Monika Grabuschnigg wurde 2024 für den Arno-Lehmann-Preis für Keramik in Salzburg nominiert und im selben Jahr mit einem Stipendium der Stiftung Kunstfonds Bonn ausgezeichnet. 2018 erhielt sie den Berlin Art Prize. Ihre Werke befinden sich in internationalen Privatsammlungen in der Artothek des Neuen Berliner Kunstvereins, in der Sammlung des Landes Vorarlberg und in der Grafischen Sammlung der Akademie der bildenden Künste Wien.