Eine “Aida” ganz ohne ägyptischen Pomp

Kultur / 21.06.2026 • 10:59 Uhr
Eine "Aida" ganz ohne ägyptischen Pomp
Wo im Original das Volk den Ruhm Ägyptens preist, muss hier der als äthiopischer Kriegsgefangener in Fahlweiß gekleidete Chor diesen Text singen – eine ungewohnte Psychofolter. Xiomara Bender

Umjubelte Premiere letzten Freitag bei den St. Galler Festspielen

Andelsbuch Nicht im Klosterhof, sondern im Theater fand heuer die Premiere der St. Galler Festspiele statt, da es Freiluftaufführungen dort nur mehr alle zwei Jahre gibt. Verdis große Oper “Aida” um die tragische Liebesgeschichte zwischen dem ägyptischen Feldherrn Radames und der äthiopischen Gefangenen Aida vor dem Hintergrund eines Krieges spielt in St. Gallen nicht, wie gewohnt, im Pharaonenreich. Ben Baur (Regie und Bühne) macht aus dem manchmal pompösen Spektakel ein zeitloses Kammerspiel, das den Fokus auf die seelischen Probleme der Mitwirkenden legt.

Eine "Aida" ganz ohne ägyptischen Pomp
Amber R. Monroe als Aida gestaltete ihre seelische Zerrissenheit mit feiner Innigkeit und intensivem Ausdruck.

Die Bühne ist durchgehend ein kahler Innenraum, mit graubraunen Wänden, zwei raumhohe Säulen deuten einen Tempel an, die schlichten Kostüme (Uta Meenen) verweisen ebenso wie ein riesiger Art-déco-Leuchter (Licht: Anselm Fischer) auf die 20er-, 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts. Dass auch der Schauplatz beim Triumphmarsch ein düsterer, geschlossener Raum ist, verleiht dem Ganzen eine fast klaustrophobische Atmosphäre. Wo im Original das Volk den Ruhm Ägyptens preist, muss hier der als äthiopischer Kriegsgefangener in Fahlweiß gekleidete Chor diesen Text singen – eine ungewohnte Psychofolter.

Eine "Aida" ganz ohne ägyptischen Pomp
Stumme Figuren verkörpern Pharaonentochter Amneris als Kind und als alte Frau, die z. B. in einer Badewanne mitten auf der Bühne gebadet wird.

Etwas verwirrend ist die zusätzliche Bedeutungsebene, die Baur eingezogen hat. Im Mittelpunkt steht bei ihm nicht die Titelheldin Aida, sondern ihre Rivalin, die Pharaonentochter Amneris, die von Radames abgewiesen wird. Stumme Figuren verkörpern sie als Kind und als alte Frau, die z. B. in einer Badewanne mitten auf der Bühne gebadet wird, drei “Schatten” (Programmheft) treten im gleichen Kostüm wie sie auf (Choreografie Rachele Pedrocchi). Dennoch gelingt Baur eine sehr geschlossene, konzentrierte Inszenierung, die von Anfang an eine Sogwirkung ausübt, auch durch archaische Bilder, wie eine Leiche unter einem blutbefleckten Tuch zu Beginn des Nilaktes, die vielleicht auf den Isiskult verweist.

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Libby Sokolowski als Amneris war eine furiose, eifersüchtige Rivalin.

Musikalisch ist die Aufführung sehr überzeugend. Maestro Modestas Pitrenas, der mit dieser “Aida” seinen Abschied von St. Gallen feiert, setzt Verdis Partitur, in der sich zarteste Partien mit gewaltigen Ausbrüchen abwechseln, ebenso differenziert um. Vom Beginn des Vorspiels an, wo die Streicher auf höchstens einem Bogenhaar spielen, bis zum ebenso leisen Ende mit den hohen Flageolettstellen entfaltet das St. Galler Orchester seine ganze Farben- und Klangpracht. Schade nur, dass die Trompete beim Triumphmarsch elektronisch eingespielt wurde. Von den exzellenten Instrumentalsoli sei hier stellvertretend nur die Oboe genannt. Ein ganz besonderes Lob gebührt dem Chor; besonders die Szenen, wo er hinter der Bühne singt, entfalteten eine eigene Magie.

Eine "Aida" ganz ohne ägyptischen Pomp
Das Publikum im ausverkauften Haus spendete minutenlange Standing Ovations für eine eindrucksvolle Produktion.

Exzellent das Ensemble der Sänger-Darsteller: Amber R. Monroe als Aida gestaltete ihre seelische Zerrissenheit mit feiner Innigkeit und intensivem Ausdruck, Libby Sokolowski als Amneris war eine furiose, eifersüchtige Rivalin. Marcelo Puente als Radames stemmte anfangs die hohen Töne etwas an, gewann aber immer mehr an Statur und Leuchtkraft. Jonas Jud verlieh dem König mit seinem fahlen Bass Majestät, ein Stimmereignis war Vincenzo Neri als Amonasro. Auch die kleineren Rollen waren bei Sultonbek Abdurakhimov (Ramfis), Olivia Smith (Hohepriesterin) und Riccardo Botta (Bote) in guten Händen. Das Publikum im ausverkauften Haus spendete minutenlange Standing Ovations für eine eindrucksvolle Produktion, die noch fünfmal gespielt wird – die ideale Gelegenheit, vor der Bregenzer “Traviata” eine andere große Verdi-Oper zu sehen. Ulrike Längle