Heimatlos im eigenen Ich

Eric Cutler, Christina Nilsson, Rachael Wilson und Christian Gerhaher prägen einen glänzenden „Tannhäuser“.
Zürich Richard Wagners „Tannhäuser“ gehört zu jenen Werken, die ihre ganze Wirkung erst dann entfalten, wenn musikalische Exzellenz und szenische Deutung eine überzeugende Einheit bilden. Am Opernhaus Zürich ist dies mit der Neuinszenierung von Thorleifur Örn Arnarsson in bemerkenswerter Weise gelungen. Der Abend beeindruckte vor allem durch seine außerordentliche musikalische Qualität, bot darüber hinaus aber auch eine ebenso kluge wie bildstarke Auseinandersetzung mit den existenziellen Fragen der Oper.

Im Zentrum stand eine Sängerbesetzung, die den enormen Anforderungen von Wagners Partitur auf eindrucksvolle Weise gerecht wurde. Eric Cutler gestaltete die Titelpartie mit großer Ausdauer, klanglicher Strahlkraft und intensiver Ausdruckskraft. Die innere Zerrissenheit dieses Tannhäuser, sein Schwanken zwischen Begehren, Schuld, Sehnsucht und Erlösungsverlangen, erhielt bei ihm glaubhafte Konturen. Cutler zeigte nicht nur die vokale Kraft der Partie, sondern auch ihre Verletzlichkeit, ihre Müdigkeit, ihre Unruhe.
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Christina Nilsson war eine herausragende Elisabeth. Ihr Sopran leuchtete mit nobler Fülle, sicherer Höhe und eindringlicher Gestaltungskraft. Besonders die große Hallenarie wurde zu einem der musikalischen Höhepunkte des Abends. Nilsson ließ diese Elisabeth nicht als entrückte Heilige erscheinen, sondern als Frau von Würde, Hoffnung und innerer Entschiedenheit. Rachael Wilson verlieh der Venus eine faszinierende Mischung aus Sinnlichkeit, vokaler Präsenz und gefährlicher Anziehungskraft. Sie machte verständlich, weshalb Tannhäuser dieser Welt nicht einfach entkommen kann. Christof Fischesser gab dem Landgrafen Hermann mit sonorem, souverän geführtem Bass Gewicht und Autorität. Ein besonderer Glücksfall war Christian Gerhaher als Wolfram von Eschenbach. Sein Bariton verband Wärme, Noblesse und sprachliche Präzision auf höchstem Niveau. Das „Lied an den Abendstern“ erklang als Moment stiller, konzentrierter Menschlichkeit.

Überragend war auch das Orchester der Oper Zürich unter Tugan Sokhiev. Wagners Partitur entfaltete sich in all ihrem Farbenreichtum, ihrer dramatischen Kraft und ihrer feinen Binnenzeichnung. Sokhiev führte den Abend mit souveräner Hand, baute die großen Steigerungen mit langem Atem auf und bewahrte zugleich eine bemerkenswerte Transparenz. Auch der Chor der Oper Zürich trugen entscheidend zur Wirkung des Abends bei.

Szenisch deutete Thorleifur Örn Arnarsson die Oper als Reise in das Innere eines zutiefst heimatlosen Menschen. Tannhäuser erscheint nicht nur als Fremder in der Welt, sondern als einer, der sich selbst verloren hat. Gemeinsam mit Dramaturgin Jana Beckmann entwickelt Arnarsson eine Traumlogik, die die Brüche und Widersprüche des Werkes produktiv nutzt. Der Bühnenraum von Erna Mist wird zur psychologischen Landschaft: der Venusberg als endlose Tafel voller leerer Gläser, die Wartburg als goldener Käfig einer selbstzufriedenen Elite, am Ende das Spiegellabyrinth eines zersplitterten Ichs.
Die Vorstellung am 27. Juni wird im Rahmen von «Opernhaus für alle» live auf den Sechseläutenplatz in Zürich übertragen.