Überwältigende Bilder

Kultur / 26.06.2026 • 11:21 Uhr
Überwältigende Bilder
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VN Kommentar von Walter Fink.

Vor einer Woche habe ich hier über die „adriatische Perle“, über Triest, erzählt, mich dabei aber weitgehend an die große literarische Tradition gehalten. Dabei gäbe es noch so viel über diese wunderbare Stadt, die sich nur schwer zwischen Norden und Süden und zwischen mehreren Kulturen entscheiden kann, zu erzählen. Von den prachtvollen Bauten und Kirchen, den Plätzen voll italienischer Anmut und von städtischer Weite bis ins Meer, nicht zuletzt von den Kaffeehäusern, die man kaum in Wien findet. Allen voran das Caffè Tommaseo aus dem Jahr 1825, in dem Schriftsteller wie Italo Svevo oder Claudio Magris aus und ein gingen, dann das Caffè degli Specchi von 1839 auf der riesigen Piazza Unità d’Italia und schließlich das vielleicht berühmteste, das Caffè San Marco, bei dem man sich nie ganz sicher ist, ob man in einem Kaffehaus Bücher liest oder in einer Buchhandlung Kaffee trinkt.

Aber nicht nur Triest ist voller Möglichkeiten, auch die in erreichbarer Umgebung liegenden Orte sind von überragender Schönheit. So scheint ein Ausflug nach Aquileia, die alte römische Stadt mit einer der ältesten Kirchen Europas, von unbedingter Notwendigkeit. Seit dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert war Aquileia eine wichtige Stadt, hier kreuzten sich Handelswege aus dem Norden, dem Süden und dem Osten. Noch heute sind wesentliche Reste der römischen Zeit zu sehen, das Forum, das Theater, die Therme, der Hafen und Villen mit bedeutenden Mosaiken. Mosaike – das ist das Stichwort für Aquileia. Denn in der Basilika findet sich das größte, wunderbar erhaltene frühchristliche Bodenmosaik, das weitgehend aus dem 4. Jahrhundert stammt. Als ich vor Jahrzehnten erstmals in Aquileia war, erwarb ich einen Bildband, „Aquileia und seine Kunstschätze“, zu dem der längst verstorbene Priester der Stadt, Luigi Marcuzzi, einen reich bebilderten Text „für die bescheidenen Menschen“, also jene, die keine Fachleute sind, schrieb. Alles bestens auf gut fünfzig Seiten zusammengefasst. Im Museumsshop suchte ich nun nach neuer deutschsprachiger Literatur, fündig wurde ich nur im zweibändigen, etwa tausend Seiten umfassenden, wissenschaftlich fundierten und 200 Euro teuren Werk „Der Dom von Aquileia“ von Christoph Ulmer. Zu viel für Laien.

Es war im Jahre 313, als Kaiser Konstantin das Toleranzedikt erließ, das den Christen die freie Religionsausübung erlaubte. Wenige Jahre danach entstand das größte frühchristliche Bodenmosaik der damals bekannten Welt. Mit 760 Quadratmeter bedeckt dieses Kunstwerk der Superlative den Boden der Kirche, auf deren Fundamenten die im Jahr 1000 neu errichtete, noch heute stehende romanische Basilika erbaut wurde, womit die Mosaike verschwanden. Es sollte wiederum 1000 Jahre dauern, bis eines der größten Kunstwerke um 1910 wieder entdeckt wurde. Und nun können wir die wundersamen Tiere und Pflanzen, die frühchristlichen Symbole, die Szene des Guten Hirten und vor allem die Geschichte von Jona und dem Wal, die fast ein Drittel der Fläche einnimmt, wieder in voller Pracht bewundern. Wer die Möglichkeit hat, sollte das tun. Ein Besuch ist jeden Aufwand wert. So, und das war‘s aus Triest.