Warum ein Euter den Bodensee küsste

Zwischen Nordstern, Wasser und Sonnenuntergang: Über Orientierung, Natur und Begegnung.
Bregenz Als sich am Donnerstag, 25. Juni, Schiffe aus Österreich, Deutschland und der Schweiz auf dem Bodensee zu einer Sternfahrt formierten, wurde der See für einen Abend zur Bühne einer Inszenierung. Das Publikum verfolgte das Geschehen von den Schiffen aus, auf denen Livemusik die Fahrt begleitete. Im Zentrum des Projekts der Vorarlberger Künstlerin Barbara Husar stand ein 27 Meter langer Kieslader, der seit fast sieben Jahrzehnten Teil der Infrastruktur des Bodensees ist. Für Hafenbauarbeiten und Pilotierungen eingesetzt, wurde dieses Arbeitsschiff für „Cargo & Interface“ in eine goldene Kontaktfläche verwandelt.
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Das goldene Schiff bildete den Bezugspunkt dieser konzertanten Konstellation. Aus Hard, Bregenz, Romanshorn und Lindau steuerten die Schiffe auf diesen glänzenden Punkt zu. An Bord wurde das Publikum zu Teilnehmenden einer sozialen Skulptur, die sich aus Bewegung, Klang, Wetter, Wasser und Begegnung zusammensetzte. Was sonst Grenze, Verkehrsweg oder Landschaft ist, erschien an diesem Abend als Speicher, Spiegel und Verbindung.

Im Zentrum des Schiffes befand sich ein Sextant mit einer 5,30 Meter langen Achse zum Nordstern. Der Sextant zählt zu den ältesten Instrumenten der Navigation; seine Besonderheit lag hier in der dauerhaften Ausrichtung auf jenen Stern, der seit Jahrtausenden Menschen Richtung gibt. Der Nordstern markiert nahezu exakt die Rotationsachse der Erde. Seine unbewegliche Position am Himmel verweist auf jene Ordnung, die den Planeten seit Jahrmillionen strukturiert. In einer Gegenwart, in der Orientierung zunehmend von digitalen Systemen übernommen wird, richtete Husars Projekt den Blick auf einen der ältesten Bezugspunkte der Menschheit.

Die Sternfahrt folgte keinem rein technischen System. Sie orientierte sich symbolisch am Nordstern und vertraute zugleich auf Wetter, Wind, Wasser und reale Begegnung. Darin lag die poetische Kraft des Projekts: Seine endgültige Form entstand nicht vorab auf dem Papier, sondern im Vollzug. Die soziale Skulptur wurde erst durch die teilnehmenden Schiffe, die Menschen an Bord, die musikalische Begleitung, die Atmosphäre und die Unberechenbarkeit des Abends vollständig.
Leichtigkeit und Schwere
Über dem goldenen Schiff sollte Husars soziale Skulptur „Euter“ erfahrbar werden: ein Heißluftballon in Form eines Kuheuters, auf 35 Meter vergrößert und mit einem Volumen von 3000 Kubikmetern. Von den Schiffen aus war der Euter zunächst kaum erkennbar. Dann löste er sich aus der Ferne, bewegte sich auf den Bodensee hinaus und gewann mit jeder Minute an Präsenz. Begleitet von der Livemusik an Bord entstand eine eigentümliche Spannung zwischen Erwartung, Wahrnehmung und Erscheinung. Über dem Wasser wurde seine Form immer mächtiger. Kurz vor dem goldenen Kieslader senkte sich der Ballon, küsste gleichsam die Oberfläche des Bodensees und stieg anschließend wieder auf, um Richtung Rhein am Horizont zu entschweben. Dieser Moment verband Leichtigkeit und Schwere, Himmel und Wasser, Körperbild und Landschaft.

„Die Sternfahrt versteht sich als soziale Skulptur, deren endgültige Form erst durch Wetter, Bewegung und reale Begegnung entsteht“, sagt Barbara Husar. Genau das wurde an diesem Abend erfahrbar: Das Werk war nicht nur das goldene Schiff, nicht nur der Sextant und nicht nur der Ballon, es war das Zusammenspiel aller Elemente. In „Unter dem Nordstern ein Euter und ein goldenes Schiff“ verdichteten sich Schiff, Sextant, Ballon, Musik und Publikum zu einer Choreografie auf dem Wasser und unter dem Himmel. Beendet wurde die Inszenierung mit einer abschließenden Fahrt in den Sonnenuntergang, ein starkes Bild für ein Projekt, das weniger erklärte als erfahrbar machte.