Vom Flugzeug zur Skulptur

Kultur / 01.07.2026 • 13:13 Uhr
Vom Flugzeug zur Skulptur
Michail Pirgelis verwandelt ausrangierte Flugzeugteile in Skulpturen und lässt Material, Raum und Geschichte neu aufeinandertreffen. philipp steurer

Michail Pirgelis stellt seine monumentale Werke im Kunstraum Dornbirn aus.

Dornbirn Was bleibt von einem Flugzeug, wenn es nicht mehr fliegt? Für den deutsch-griechischen Künstler Michail Pirgelis beginnt genau dort der künstlerische Prozess. Der Kunstraum Dornbirn widmet dem 1976 in Essen geborenen, in Griechenland aufgewachsenen und heute in Köln lebenden Künstler mit „HYLE“ die erste institutionelle Einzelausstellung in Österreich.

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In „HYLE“ begegnen Fragmente globaler Mobilität der Industriearchitektur des Kunstraum Dornbirn. philipp steurer

Seit über zwanzig Jahren gewinnt Pirgelis das Material für seine Arbeiten aus ausrangierten Passagierflugzeugen. Seine Suche führt ihn vor allem zu den riesigen Flugzeugfriedhöfen in der Mojave-Wüste Kaliforniens und Nevadas. Dort hält er nach Außenwänden, Fensterreihen, Bodenplatten oder Druckschotten Ausschau und trennt die gewünschten Teile eigenhändig aus den Maschinen heraus. Schon dieses Finden und Freilegen gehört zur künstlerischen Arbeit. Wie aufwendig der Weg des Materials ist, beschreibt Pirgelis selbst: „Ich mache einen Container voll. Der kommt über See nach Bremerhaven und von dort nach Köln ins Atelier.“

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Mit geschliffenen, polierten und fragmentierten Flugzeugteilen eröffnet Michail Pirgelis neue Blicke auf Materie, Form und Erinnerung.

Im Atelier werden die Fragmente weiterbearbeitet: Pirgelis schleift, poliert und trägt Material Schicht für Schicht ab. So legt er verborgene Strukturen frei, macht Gebrauchsspuren, Markierungen, Nieten und Verfärbungen sichtbar und überführt funktionale Bauteile in autonome Skulpturen. Manche Oberflächen öffnen sich dabei zu fast reinem, spiegelndem Aluminium, andere bewahren bewusst ihre Patina als Spur von Sonne, Sand und jahrzehntelangem Einsatz. Die Herkunft der Teile bleibt stets lesbar und tritt doch in einen neuen ästhetischen Zusammenhang.

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Bei der Auswahl interessieren Pirgelis formale Bezüge ebenso wie malerische Qualitäten, die sich nicht planen lassen. Oft entdeckt er sie vor Ort, manchmal erst dann, wenn ein Bauteil freigelegt ist. Besonders reizvoll sind für ihn Bereiche, die im fertigen Flugzeug unsichtbar bleiben. Ein Beispiel sind Druckkalotten am hinteren Ende des Rumpfs, dort, wo sich das Flugzeug verjüngt. Sie halten den Kabinendruck im Inneren der Maschine. Weil solche Elemente verborgen liegen, müssen sie erst aus dem Ganzen herausgeschnitten werden. Nicht jeder Versuch führt zum gewünschten Ergebnis. Doch manchmal zeigt sich ein Teil mit genau jener farblichen, grafischen oder malerischen Qualität, die Pirgelis interessiert.

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Der Ausstellungstitel „HYLE“ verweist auf den aristotelischen Begriff hyle – Materie als Potenzial zur Form. Genau dieses Spannungsfeld bestimmt Pirgelis’ Werk. Seine Arbeiten erinnern an Minimal Art und Readymades, verweigern sich aber jeder glatten Perfektion. Kratzer, Gebrauchsspuren und verbliebene Farbschichten erzählen von der Geschichte des Materials und verleihen den Skulpturen eine eigene Bildhaftigkeit. Pirgelis geht es dabei nicht um Technikbegeisterung allein. „Mein Interesse gilt Materialien aus der Luftfahrt, aber eigentlich ist es vor allem die Suche nach authentischen Stoffen, die eine besondere Historie aufweisen, die mich antreibt“, sagt der Künstler.

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Im Kunstraum Dornbirn erhält diese Arbeitsweise besondere Resonanz. Ihre rohe Struktur, ihre industrielle Vergangenheit und ihre räumliche Großzügigkeit treten in einen Dialog mit Pirgelis’ Skulpturen. Wo früher industrielle Produktion stattfand, begegnen heute Fragmente globaler Mobilität einer Halle, die selbst von Arbeit, Material und Konstruktion erzählt. Ausrangierte Technik wird bei Pirgelis verwandelt – in Kunst, die das Verborgene sichtbar macht.

Vom Flugzeug zur Skulptur

Eröffnet wird „HYLE“ am Donnerstag, 2. Juli, um 19 Uhr; zu sehen ist die Ausstellung von 3. Juli bis 8. November 2026, jeweils Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr.

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