Der Sprung, der zur Kunstgeschichte wurde

Kultur / 03.07.2026 • 10:54 Uhr
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Klaus Ottmann rekonstruiert die Entstehung einer Ikone der Nachkriegskunst. Schirmer/Mosel

Wie Yves Klein, Shunk und Kender ein Bild zwischen Risiko, Illusion und Kunstgeschichte schufen.

München Ein Mann stößt sich vom Dach eines Pariser Vororthauses ab, die Arme weit geöffnet, der Körper scheinbar schwerelos. Unter ihm liegt die Straße, vor ihm die Leere. Mit diesem Bild schrieb Yves Klein 1960 Kunstgeschichte. „Der Sprung in die Leere“ gehört zu den berühmtesten Fotografien der Nachkriegskunst und ist mehr als die Dokumentation einer Aktion: eine inszenierte Bildbehauptung, ein Spiel mit Risiko, Illusion und Radikalität.

Dem Foto widmet der Schirmer/Mosel Verlag nun einen neuen Band seiner Reihe „Ein Bild und seine Geschichte“. Klaus Ottmann, Kunsthistoriker und Kenner des Werks von Yves Klein, rekonstruiert darin Entstehung und Wirkung einer Ikone. Im Zentrum steht nicht nur Klein selbst, sondern auch das Fotografenduo Harry Shunk und János Kender, das an der Inszenierung maßgeblich beteiligt war. Gerade deshalb lässt sich die Autorenschaft nicht eindeutig auf eine Person reduzieren: Künstlerische Idee, körperliche Aktion und fotografisches Verfahren greifen ineinander.

Yves Klein, 1928 in Nizza geboren, war Judoka, Avantgardist und einer der führenden Vertreter des Nouveau Réalisme. Er gilt als Wegbereiter der Pop Art und Konzeptkunst, als Künstler der Monochromie und der Leere. Berühmt wurde er auch durch das von ihm entwickelte International Klein Blue, jenen intensiven Blauton, den er 1960 patentieren ließ. Seine monochromen Werke, die Anthropometrien mit farbgetränkten Körperabdrücken und seine Raumvorstellungen zielten auf die Überwindung des Materiellen.

Auch der „Sprung in die Leere“ verbindet Fantasie und körperliche Disziplin. Klein kämpfte als Künstler und Judoka mit der Schwerkraft und beherrschte die Kunst des Fallens. Zugleich entsteht die Wirkung erst durch fotografische Konstruktion. Der Sprung erscheint als Moment absoluter Freiheit, ist aber auch ein Kunstwerk der Montage.

Shunk-Kender dokumentierten zwischen den späten 1950er- und frühen 1970er-Jahren zahlreiche Werke, Aktionen und Performances der Gegenwartskunst, darunter Arbeiten von Robert Rauschenberg, Merce Cunningham, Man Ray sowie Christo und Jeanne-Claude. Mit Kleins Sprung schufen sie ein Bild, das spätere Performancekunst prägte. Der 40-seitige Band zeigt, wie aus einem Sprung eine Legende wurde und wie die Kunst für einen Augenblick tatsächlich zu fliegen scheint.