Was Florentina Holzinger am Samstag aus dem Bodensee hebt

Kultur / 09.07.2026 • 16:36 Uhr
Was Florentina Holzinger am Samstag aus dem Bodensee hebt
Florentina Holzinger inszeniert am Bodensee ein zeitgenössisches Ritual über Märchen, Müll, Erlösung und die veränderte Natur. APA/DIETMAR STIPLOVSEK

Florentina Holzinger entwickelt eine Komposition aus Wasser, Klang, Körpern und Schwerkraft.

Bregenz Am kommenden Samstag um 18 Uhr findet Florentina Holzingers Beitrag für den Österreichischen Pavillon der diesjährigen Biennale in Venedig, „Seaworld Venice“, eine einmalige Resonanz in Bregenz: als „Bodensee Étude“, als Komposition für vier Schlagzeugerinnen, zehn Performerinnen, einen Kran und eine Glocke.

Die „Bodensee Étude“ versteht Holzinger als eigenständiges Werk und zugleich als Erweiterung ihrer Arbeit in Venedig. Während der Biennale-Pavillon ein künstlicher, kontrollierter Raum sei, eröffne der Bodensee eine völlig andere Dimension. Hier werde mit echtem Wasser, Wetter und einer Landschaft gearbeitet, die ihre eigene Geschichte mitbringt. „Der Bodensee hat uns sehr interessiert“, sagt die Künstlerin. Er sei nicht nur Trinkwasserspeicher und Gletschersee, sondern auch ein Ort, an dem sich Erinnerungen, Mythen und reale Geschichte überlagern. Schiffswracks, Glocken und alte Erzählungen seien ebenso Teil dieses kollektiven Gedächtnisses wie das Leben, das den See bis heute prägt.

Aus diesen Spuren entwickelt Holzinger jedoch keine Nacherzählung lokaler Sagen. Vielmehr erschafft sie eine neue Legende. Inspiriert von Geschichten über versunkene Städte, Glocken und Wracks entwickelt sie eine eigene Erzählung. „All dies hat schließlich in jene eigene Legende gemündet, die am Samstag erzählt werden soll.“

Was Florentina Holzinger am Samstag aus dem Bodensee hebt
„Bodensee Étude“ verbindet Volksmärchen, Maschinenkraft und feministische Körperbilder am Ufer des Sees. APA/DIETMAR STIPLOVSEK

Im Zentrum der Performance steht ein Bergungsszenario. Körper und Objekte steigen aus dem Wasser empor, werden angehoben, verwandelt und später wieder zu Boden fallen. Holzinger interessiert sich für das Spannungsfeld zwischen Schwerkraft und Schwerelosigkeit, für jene Kräfte, die auf Körper ebenso wirken wie auf Gegenstände. Der Kran wird dabei weit mehr als ein technisches Hilfsmittel – er wird selbst Teil der Choreografie.

Im Unterschied zum Pavillon in Venedig spielen in Bregenz Live-Musik und akustische Elemente eine zentrale Rolle. Auf den Sunset-Stufen werden vier Schlagzeugerinnen, zwei große Verstärkeranlagen und zehn Performerinnen Teil der Inszenierung. Die Körper selbst werden zu Instrumenten, eingesetzt für Paukenschläge, Vibrationen und rhythmische Kräfte. Das Zusammenspiel von Percussion, Elektronik und Bewegung verleiht der Performance eine intensive physische Präsenz.

Zwischen Mythos und Gegenwart

Warum sie diese Arbeiten „Étuden“ nennt, erklärt Holzinger mit dem Prinzip des Übens. Nichts sei jemals endgültig fertig, die Übung sei oft spannender als das perfekte Ergebnis. Anders als das schnelle Bild in sozialen Medien richte sich der Blick auf die Praxis selbst – auf Prozesse, Wiederholungen und körperliche Erfahrung. Dabei gehe es nicht in erster Linie um Virtuosität, sondern um das Erproben von Kräften. Ebenso wichtig wie das Abheben sei das Fallen. Beides müsse geübt werden.

Für Holzinger ist die Arbeit am Bodensee ein besonderer Glücksfall. Zugleich macht sie deutlich, wie aufwendig und anspruchsvoll ein Projekt dieser Größenordnung ist. Um solche „schwierigen und schweren Dinge“ zu realisieren, brauche es viele enthusiastische Menschen und ein Team, das bereit sei, sich auf die Eigenheiten dieses Ortes einzulassen.

Gerade außerhalb des Theaters bleibe die Inszenierung offen für das Unvorhersehbare. Wind und Wellen, Badende, vorbeiziehende Schiffe oder sogar ein Zeppelin am Himmel könnten unvermittelt Teil des Geschehens werden, ohne eigens inszeniert zu sein. Die Natur spiele mit, ohne dirigiert zu werden. Genau diese Offenheit macht für Holzinger den besonderen Reiz der „Bodensee Étude“ aus. So entsteht am Bodensee keine Wiederholung von „Seaworld Venice“, sondern eine einmalige, ortsspezifische Komposition zwischen Mythos und Gegenwart, zwischen Technik und Natur, zwischen Wasser, Klang und Schwerkraft.