Farbe, Form und leises Staunen

Das Vitra Design Museum widmet Hella Jongerius eine poetische Retrospektive.
Weil am Rhein Wer in diesem Sommer einen Kultur-Ausflug mit überschaubarer Fahrzeit sucht, findet in Weil am Rhein ein Ziel, das Nähe und Weltläufigkeit verbindet. Rund zwei Stunden entfernt zeigt das Vitra Design Museum „Hella Jongerius: Whispering Things“ – eine sinnliche und zugleich nachdenkliche Retrospektive über eine Designerin, die seit mehr als drei Jahrzehnten den Blick auf Dinge verändert. Die Schau ist bis 6. September 2026 zu sehen und versammelt Möbel, Textilien, Keramiken, Skizzen, Prototypen und Filme. Mehr als 400 Objekte geben Einblick in ein Werk, das nie nur schön sein will, sondern fragt, wie wir mit Materialien, Produkten und der Welt der Gegenstände umgehen.

Schon die Leitfrage macht den Besuch lohnend: Wie gestaltet man für eine Welt, die eigentlich von allem schon genug hat? Hella Jongerius hat sich nie damit begnügt, Design als Oberfläche zu verstehen. Ihre Arbeit sucht die Spur der Hand, die Eigenwilligkeit des Materials, die Poesie des Unvollkommenen. Statt glatter Perfektion interessieren sie Brüche, Übergänge und kleine Abweichungen, die einem Objekt Charakter geben. Man geht durch Räume, in denen Dinge zu flüstern beginnen: Stoffe, Vasen, Möbel und keramische Körper erzählen von Herstellung, Gebrauch, Erinnerung und Verantwortung.

Die Ausstellung ist in vier Bereiche gegliedert. Der erste Raum, „Dirty Hands“, führt zurück in die 1990er Jahre und zu Jongerius’ Anfängen im Umfeld von Droog Design. Sichtbar wird, wie früh sie Handwerk und industrielle Produktion gegeneinander ausspielte und zugleich miteinander verband. Eine Videoarbeit zeigt die Hände der Designerin bei der Arbeit und macht deutlich, dass Denken und Machen bei ihr nicht getrennt sind.
IKEA, Camper, KLM und Vitra
Der zweite Bereich, „Business Class“, widmet sich Kooperationen mit Unternehmen und Institutionen. Jongerius arbeitete unter anderem für Maharam, IKEA, Camper, KLM und Vitra. Interessant ist weniger die Prominenz der Namen als der Blick hinter die Kulissen. Skizzen, Muster und Prototypen zeigen, wie aus Recherche, Zweifel und Experiment Produkte entstehen.

Besonders eindrucksvoll ist „Feeling Eye“, der dritte Raum, der Farbe und Textil in den Mittelpunkt stellt. Jongerius versteht Farbe nicht als Dekoration, sondern als lebendiges Phänomen, das sich mit Licht, Umgebung und Material verändert. Die „Coloured Vases“ und die experimentellen „Colour Catchers“ zeigen diese Sensibilität. Auch die Textilarbeiten führen vor, wie viel Wissen und Geduld im Weben steckt.

Im letzten Raum, „Cosmic Mind“, öffnet sich die Schau in Richtung Kunst. Werke wie „Frog Table“ oder die Serie „Angry Animals“ stellen die Beziehung zwischen Mensch, Tier und Objekt infrage. Die nach der Pandemie entstandenen „Space Amulets“ wirken beinahe schamanisch, während die „Unfoldable Cubes“ komplexe Raumgewebe erkunden. Ein eigens produzierter Experimentalfilm verleiht Alltagsgegenständen eine Stimme: Dinge sind nicht stumm, wenn man ihnen Aufmerksamkeit schenkt.

Ergänzend zur Jongerius-Retrospektive lohnt sich der Besuch des Vitra Schaudepots, das dauerhaft Einblick in die Sammlung des Vitra Design Museums gibt. Wechselnde Präsentationen zeigen zentrale Positionen des Designs von 1800 bis heute: von Bugholzmöbeln und Klassikern der Moderne von Le Corbusier, Eileen Gray oder Gerrit Rietveld bis zu aktuellen 3D-Druck-Entwürfen, Prototypen und weniger bekannten Objekten.

Insgesamt umfasst die Sammlung rund 20.000 Stücke, darunter etwa 7.000 Möbel, mehr als 1.000 Leuchten, die Sammlung des Eames Office sowie Archive von Verner Panton, Alexander Girard und Luis Barragán. Seit 2022 ist im Schaudepot auch die Barragán Gallery zu sehen.
