Mit Hüftschwung und Sonnenbrillen

Verschlankte „Così fan tutte“ begeisterte im Theater Kosmos.
Bregenz Der junge Vorarlberger Dirigent Tobias Grabher hat vor fünf Jahren das Kammerorchester Camerata Musica Reno mit der Elite des musikalischen Nachwuchses aus dem Rheintal gegründet. Nun hat sich das Ensemble erstmals an eine vollständige Oper gewagt, Mozarts „Così fan tutte“. In einer reduzierten Fassung (ohne Chor und die Zofe Despina) entfaltete sich bei der Premiere am Freitag im ausverkauften Bregenzer Theater Kosmos ein vielschichtiges psychologisches Drama, das das Publikum durch jugendliche Energie, komödiantische Verve und exzellente musikalische Qualität in Begeisterung versetzte.
Die halbszenische Einrichtung von Eli Eisenmann hat den Vorzug, dass so die Handlung auf das Seelendrama zwischen den beiden Liebespaaren konzentriert wird. Das Geschehen wurde zusätzlich durch Sabine Lorenz als Sprecherin komisch kommentiert.

Schon die rasant musizierte Ouvertüre ließ durch die plastische Phrasierung aufhorchen, mit federnden Streichern und flinken, beweglichen Holzbläsern. Das Ensemble aus jungen, gutaussehenden Sängerinnen und Sängern, die unter anderen am Opernstudio der Wiener Staatsoper und in Köln tätig sind, war eine Idealbesetzung: Es sind alles ausgezeichnete Vokalisten mit komödiantischem Talent; durch ihr jugendliches Alter wirkte die Handlung absolut glaubhaft. Der Bariton Clemens Seewald verlieh dem Don Alfonso desillusionierte Überlegenheit, ließ aber auch Gefühle durchblitzen. Der Tenor Andrew Turner gab einen eher kraftvollen als lyrischen Ferrando, der nicht nur durch stimmliche Schönheit, sondern auch durch seinen sexy Hüftschwung überzeugte. In der Arie „Tradito! Schernito!“ verlieh er auch dem Schmerz des Betrogenen zu Herzen gehenden Ausdruck. Tobias Lusser mit seinem klangvoll strömenden Bariton zeichnete einen zuerst selbstsicheren, dann aber zusehends verunsicherten Guglielmo, mit erotisch betörendem Stimmklang im Duett mit Dorabella. Dass die beiden Herren als einzige „Verkleidung“ Sonnenbrillen trugen, war ein witziger Gag der Regie.
Exzellente Musikerinnen und Musiker
Das Schwesternpaar Fiordiligi – Dorabella war mit der Sopranistin Ekaterina Spivakovskaia und dem Mezzo Laura Hemingway, deren Stimmen in den Duetten aufs wunderbarste harmonierten, ebenfalls in den besten Händen. Der leichtfertigeren Dorabella verlieh Hemingway in der Arie „Smanie implacabili“ die Konturen einer fast Wahnsinnigen, bevor sie sich mit schmelzender Stimme den Avancen Guglielmos ergab. Spivakovskaia war eine Fiordiligi von großem Format, die in ihren beiden Arien mit eindrucksvoller Gestaltung und warmem Stimmklang die seelische Lage einer treu bleiben wollenden, aber schließlich doch nachgebenden Liebenden mitfühlen ließ. Auch die Ensembles gerieten sehr schön; nur bei den fehlenden Despina-Szenen knirschte es leicht im musikalischen Gefüge.

Getragen wurde das alles von einem mit sagenhafter Präzision, feiner Differenzierung und Spielfreude agierenden Orchester, angeführt vom Konzertmeister David Kessler, der seine Erfahrung als jüngstes Mitglied des Wiener Staatsopernorchesters einbrachte. Mozart klingt leicht, ist aber schwer zu spielen. Wie Tobias Grabher diese Oper umgesetzt hat, immer mit den passenden Tempi, schwungvoll, aber nie verhetzt und mit genug Zeit für die lyrischen und nachdenklichen Momente, das verdient große Bewunderung. Es war ein Abend, der auch gezeigt hat, wie wenig (und doch viel) für eine geglückte Opernaufführung nötig ist: keine Kulissen, kaum Kostüme, wenig Regie – dafür aber exzellente Musikerinnen und Musiker.
Ulrike Längle