Grenzerfahrungen am Zauberberg

teatro caprile lädt zu einer Theaterwanderung zwischen Natur, Geschichte und Gegenwart.
Gargellen Mit „Grenzerfahrungen am Zauberberg“ lädt teatro caprile im Sommer 2026 zu einer Theaterwanderung in Gargellen. Im Angesicht der 2770 Meter hohen Madrisa verbindet die Produktion Naturerfahrung, Kulturgeschichte und szenische Verdichtung. Auf einem moderaten Rundkurs führt sie durch eine Landschaft, in der sich Maisäßkultur, Tourismus, Höhenluftkurort und alpine Einsamkeit überlagern.
Die Inszenierung von Andreas Kosek setzt auf eine offene Form zwischen Schauspiel, Wanderung und ortsspezifischer Erzählung. In kurzen Szenen werden verschiedene Zeitebenen miteinander verschränkt. Das Publikum begegnet dem Motiv des Sanatoriums und Thomas Manns „Zauberberg“, folgt Ernst Krenek und seinem „Reisetagebuch aus den Alpen“ und hört lateinisch sprechenden Gämsen zu, die ihr Schicksal als gejagte Tiere beklagen. So entsteht eine Zeitreise, die den Zauber der Berge ebenso befragt wie ihre kulturelle und politische Geschichte.

Ein wesentlicher Bestandteil der Aufführung ist der Ort selbst. Gelände, Wind, Wasser, Steine, Licht und Schatten werden in die Dramaturgie einbezogen. Auch Nebel, Regen oder Schnee sowie Tiere, die den Weg kreuzen, können zu Elementen der Wahrnehmung werden. teatro caprile arbeitet bewusst mit reduzierten Mitteln. Natürliches Licht, Originalschauplätze und die Nähe zwischen Ensemble und Publikum erzeugen eine konzentrierte, kammerspielartige Dichte. Die Zuschauerperspektive verändert sich im Gehen: Blickachsen verschieben sich, Räume öffnen und schließen sich.
Historische Spurensuche
Inhaltlich geht die Produktion von der Beobachtung aus, dass abgelegene Bergregionen in größere historische Zusammenhänge eingebunden waren. „Das Montafon ist eine kleine Welt, in der die große ihre Probe hält“ – diese Abwandlung eines Zitats von Friedrich Hebbel verweist auf die Wechselwirkung zwischen lokaler Kleinräumigkeit und globalen Entwicklungen. So forschte die jüdische Sozialanthropologin Lucie Varga im Montafon zum aufkeimenden Nationalsozialismus, den sie als Gegenentwurf zur traditionellen, kirchlich geprägten Dorfgesellschaft untersuchte. Varga, die auf der Flucht vor den Nationalsozialisten in Frankreich starb, wird Teil der historischen Spurensuche.
Der Blick richtet sich auch auf wirtschaftliche und soziale Transformationsprozesse. Saisonale Auswanderer brachten als Krautschneider oder Maurer Wissen aus der Fremde zurück. Neue Arbeitsformen veränderten das Leben in den Tälern. Durch die sommerliche Arbeitsaufteilung übernahmen Frauen in der Landwirtschaft zentrale Verantwortung; auch Geschlechterrollen verschoben sich. Später eröffneten sich mit dem Tourismus neue Verdienstmöglichkeiten vor Ort. Die Theaterwanderung bindet diese Entwicklungen an konkrete Wege und Schauplätze.
Der Rundkurs umfasst 270 Höhenmeter in sanfter Steigung und dauert inklusive Spielzeit rund fünf Stunden. Treffpunkt ist jeweils um 9.45 Uhr bei der Kirche Gargellen. Die Termine sind am 17., 18. und 19. Juli, am 21., 22. und 23. August sowie am 28. und 29. August. Es spielen Roland Etlinger, Ildiko Frank, Katharina Grabher, Ruth Grabher, Andreas Kosek und Mark Német.