Empörung unter freiem Himmel

Kultur / 19.07.2026 • 13:30 Uhr
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Unpop bringt Caren Jeß’ „Eleos“ als konzentrierte, humorvolle und technisch einfallsreiche Freiluftinszenierung heraus.Andreas Marte

Ein Spiegelwürfel, fünf Darsteller und 36 Miniaturen genügen für einen ebenso klugen wie unterhaltsamen Abend.

Bregenz Der Kornmarktplatz ist kein geschützter Theaterraum. Menschen gehen vorbei, Fahrräder rollen über das Pflaster, Polizeisirenen schneiden durch den Abend, Glocken läuten, Gespräche dringen von den Lokalen und einer Vernissage herüber. Genau in diese unberechenbare Geräuschkulisse setzt das “Ensemble für unpopuläre Freizeitgestaltung – unpop” Caren Jeß’ „Eleos – Eine Empörung in 36 Miniaturen“. Was zunächst wie ein Risiko wirkt, erweist sich bei der Premiere am Freitag vor dem vorarlberg museum als Stärke dieser konzentrierten und verspielten Inszenierung.

Denn „Eleos“ erzählt keine durchgehende Geschichte. Das Stück ist eine Sprachpartitur aus 36 kurzen Szenen, aus Satzsplittern, Wortschöpfungen, Schlagwörtern, Wiederholungen und Sprüngen. Es kreist um jene Gemütslage, die unsere Gegenwart prägt: das Schimpfen und Jammern, die Lust am Widerspruch, die Angst, die Wut und das Beharren auf der eigenen Gereiztheit. Caren Jeß seziert diese Empörung jedoch nicht mit moralischem Zeigefinger entlang einfacher politischer Fronten. Ihre Texte bleiben offen, poetisch und oft überraschend komisch. Tragödie und Komödie liegen hier eng beieinander.

Für die fünf Darstellerinnen und Darsteller ist das eine enorme Herausforderung. Ambra Berger, Peter Bocek, Jens Ole Schmieder, Maria Strauss und Fabienne Trüssel bewältigen sie mit Präsenz und großer Textsicherheit. Gerade weil hier kaum in Umgangssprache gesprochen wird, sondern in rhythmisch verschobenen, bisweilen widerspenstigen Sprachgebilden, verlangt jede Miniatur höchste Konzentration. Dass das Ensemble unter den offenen und kaum kontrollierbaren Bedingungen auf einem öffentlichen Platz mit solcher Präzision agiert, macht die Leistung umso beeindruckender, die Sprache bleibt lebendig, körperlich und ganz im Moment verankert.

Bewegung und Sprachrhythmus

Regisseur Stephan Kasimir findet für diese offene Form eine kluge kreative Entsprechung. Er verzichtet auf eine klassische Bühne und ein konventionelles Bühnenbild. Stattdessen genügt ein teilbarer Spiegelwürfel, den Caro Stark als kompakte Theatermaschine entworfen hat. Die Konstruktion öffnet sich, spiegelt die Umgebung, verschluckt und vervielfacht die Spielenden. Wasserspritzer, Nebel, Schaum und Stroboskop verwandeln den Platz in einen surrealen Erfahrungsraum. Weil die Effekte nicht Selbstzweck bleiben, sondern aus Bewegung und Sprachrhythmus entstehen, gewinnen sie große Wirkung. Stark beweist damit Fantasie und beeindruckendes technisches Gespür.

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Fünf starke Darsteller verwandeln die Sprachpartitur in ein intensives Spiel über Wut, Angst und Gereiztheit. Andreas Marte

Die Musik von Paul Winter hält die disparaten Szenen zusammen, ohne sie zu glätten. Sie gibt Impulse, verstärkt Spannungen und lässt zugleich Raum für die Geräusche der Stadt. So wird der öffentliche Raum nicht zur Störung, sondern zum Mitspieler. Passanten können stehen bleiben, sich wieder entfernen oder später erneut einsteigen. Diese Durchlässigkeit entspricht dem Stück, das eher erklingt als erzählt wird und keinen Anspruch auf lückenlose Verständlichkeit erhebt.

In den knapp 50 Minuten entwickelt „Eleos“ einen erstaunlichen Sog. Die Inszenierung ist überaus präzise, humorvoll, sinnlich und zugleich gedanklich offen. Sie zeigt, wie viel Theater mit wenigen Mitteln möglich ist, wenn Text, Spiel, Regie, Musik und Ausstattung einander vertrauen. Vor allem aber macht sie sichtbar, dass Empörung nicht nur ein politischer Zustand ist, sondern ein menschlicher Reflex – lächerlich und bedrohlich, verletzlich und aggressiv zugleich. Das Publikum reagierte aufmerksam und spendete am Ende langen Applaus.

Weitere Vorstellungen finden am 21. und 22. Juli jeweils um 20 Uhr auf dem Kirchplatz in Lustenau sowie am 27., 29. und 30. Juli um 20 Uhr auf dem Kornmarktplatz in Bregenz statt. Der Eintritt ist frei.