Im Schatten der eigenen Bilder

Zum 140. Geburtstag der Malerin Stephanie Hollenstein zeigt ein Film eine Biografie voller Gegensätze.
Lustenau Am 18. Juli 1886 wurde Stephanie Hollenstein in Lustenau geboren. 140 Jahre später bleibt ihr Name in Vorarlberg präsent, aber nicht mehr ungebrochen. Die Malerin, lange als eine der wichtigen Künstlerinnen des Landes gewürdigt, steht heute für eine Biografie voller Gegensätze: Bauernkind und Kosmopolitin, Expressionistin und Kriegsteilnehmerin, Frau jenseits bürgerlicher Rollenerwartungen – und zugleich überzeugte Nationalsozialistin.
Hollenstein wuchs als Tochter einer Bauernfamilie auf. Schon als Kind zeichnete sie, während sie das Vieh hütete. Später wurde daraus ein Weg, der für eine junge Frau aus einfachen Verhältnissen keineswegs selbstverständlich war. 1904 wurde sie an der Königlichen Kunstgewerbeschule in München aufgenommen. Dort öffnete sich ihr ein Umfeld, in dem Kunst und Selbstbehauptung möglich wurden. Hollenstein trug kurze Haare, kleidete sich männlich, liebte Frauen und bewegte sich außerhalb der Normen ihrer Zeit.
Schiefmalerin
Auch der Erste Weltkrieg wurde zu einem Bruch. Unter dem Namen „Stephan Hollenstein“ meldete sie sich 1915 zu den Vorarlberger Standschützen und kam an die Südfront. Als ihr Geschlecht entdeckt wurde, musste sie die Truppe verlassen, kehrte aber als Kriegsmalerin zurück. Front und Verwundung prägten ihr Werk ebenso wie die Landschaften des Bodenseeraums, der Alpen und Italiens. Ihre Bilder zeigen keine glatte Wirklichkeit. Räume kippen, Farben leuchten, Perspektiven geraten aus dem Lot. Nicht zufällig erhielt sie den Beinamen „Schiefmalerin“.
In der Zwischenkriegszeit gelang Hollenstein der künstlerische Aufstieg. Sie stellte aus, reiste, erhielt Staatspreise und engagierte sich in Künstlerinnenvereinigungen. Doch hier beginnt der schwierigste Teil ihrer Geschichte. Sie begeisterte sich früh für völkisches Denken, trat der Nsdap bei und wurde im Nationalsozialismus zu einer einflussreichen Funktionärin des Kunstbetriebs. Ihre Nähe zum Regime lässt sich nicht als Randnotiz abtun.
Lange wurde dieser Teil ihrer Biografie überblendet. In Lustenau verwahrten ihre Schwestern den Nachlass, 1961 ging er an die Gemeinde. Heute trägt der Ort den Namen DOCK 20 – Kunstraum und Sammlung Hollenstein und versteht den Umgang mit diesem Erbe als kritisch-reflektierte Aufgabe.
Mit Hollensteins Leben setzt sich auch der Film „Im Schatten der Bilder“ auseinander. Die Allgäuer Filmemacherin Birgitta Weizenegger geht darin auf Spurensuche und fragt, was diese Geschichte heute noch zu sagen hat. Ihr essayistisches Doku-Drama verbindet Recherche mit inszenierten Szenen. Fachleute ordnen Hollensteins Leben zeitgeschichtlich ein; zugleich nähert sich der Film den Leerstellen, die durch fehlende persönliche Zeugnisse geblieben sind.
Zu sehen ist „Im Schatten der Bilder“ im Kinok – Cinema in der Lokremise in St. Gallen: am Samstag, 25. Juli, um 14.30 Uhr, am Sonntag, 2. August, um 16 Uhr, am Freitag, 14. August, um 17.20 Uhr, am Mittwoch, 19. August, um 16.30 Uhr, sowie am Sonntag, 23. August, um 13.10 Uhr. Hollenstein ist damit keine Figur für einfache Würdigungen. Ihre Kunst verdient Aufmerksamkeit, ihre Biografie verlangt Widerspruch.