Molière im Spiegel der Gegenwart

„Der eingebildete Kranke“ überzeugte in Bregenz mit Spielfreude, Tempo und Witz.
Bregenz Molières „Der eingebildete Kranke“ stammt aus dem Jahr 1673, doch im Theater am Kornmarkt wirkte die Komödie am Freitagabend frisch und gegenwärtig. Das Gastspiel des Burgtheaters, eine Produktion des Schauspiel Köln, vertraut weniger auf aufwendige Ausstattung als auf die Kraft eines glänzend aufgelegten Ensembles. Ein schwarzer Vorhang, eine Chaiselongue, markante Kostüme genügen Stefan Bachmann für einen Abend von hohem Tempo, großer Komik und ansteckender Spiellust.
Die Überschreibung von Barbara Sommer und Plinio Bachmann holt Molières Satire auf Ärztegläubigkeit, Hypochondrie und familiäre Machtspiele lustvoll in die Gegenwart. Da werden das Gendern, woke Selbstvergewisserung, medikamentöse Heilsversprechen, die Ärzteschaft und die Rituale des zeitgenössischen Theaters auf die Schippe genommen. Das geschieht bisweilen derb, stets überzogen und mit großer Freude am Klamauk, auch einfache Kalauer bleiben nicht ausgespart. Doch bei so hoher Schauspielkunst werden selbst die schlichtesten Scherze zu humorvollen Perlen.

Besonders sympathisch war, dass das Ensemble die für Köln entwickelten lokalen Anspielungen nicht unverändert nach Bregenz mitbrachte. In der entsprechenden Passage tauchten plötzlich der Bodensee, Hörbranz, Bregenz und Dornbirn auf. Das Augenzwinkern in Richtung Vorarlberg wurde vom Publikum mit hörbarem Vergnügen aufgenommen.
Im Mittelpunkt steht Rosa Enskat als Argan. Sie macht aus dem eingebildeten Kranken keinen bloßen Narren, sondern eine grandiose Bühnenfigur, die ihre Umgebung mit Beschwerden, Ängsten und Forderungen tyrannisiert und dabei etwas rührend Verlorenes behält. Mit großer Geste, präzisem Timing und unerschöpflicher körperlicher Komik beherrscht Enskat die Bühne. Jeder Blick, jedes Stöhnen und jede Empörung sitzt. Sie kostet Argans Selbstmitleid genüsslich aus, ohne die Figur zu denunzieren. Unter der Farce bleibt so die reale Angst vor Krankheit und Tod spürbar.
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Doch der Abend ist weit mehr als eine Soloshow. Paul Basonga spielt Angélique mit komischer Präzision, Lola Klamroth gibt Cléante als Liebhaber, der seine Privilegien und die Regeln korrekter Kommunikation so eifrig reflektiert, dass die Liebe beinahe an ihrer eigenen Absicherung erstickt. Melanie Kretschmann ist als Toinette eine energiegeladene Strippenzieherin, die das Geschehen mit Witz und blitzschnellen Rollenwechseln vorantreibt. Barbara Petritsch und Justus Balamohan Maier formen als Doktor Purgon und dessen Sohn ein groteskes Ärzteduo. Tilman Tuppy macht als Béline die Berechnung hinter demonstrativer Fürsorge sichtbar, Ernest Allan Hausmann setzt als Béralde eine trocken-komische Gegenstimme.
Die geschlechterübergreifende Besetzung ist kein bloßer Effekt. Sie verschiebt vertraute Rollenmuster, überzeichnet stereotype Zuschreibungen und zeigt, wie sehr gesellschaftliche Erwartungen theatrale Konstruktionen sind. Zugleich werden die Figuren nie zu bloßen Thesenlieferanten. Stefan Bachmanns Regie hält die Balance zwischen intellektuellem Spiel und entfesselter Komödie. Sie lässt das Ensemble auf der nahezu leeren Bühne toben, posieren, tanzen und streiten, ohne dass der Abend auseinanderfällt.

Am Ende bleibt der Eindruck eines großartigen Theaterabends, der Molière nicht ehrfürchtig konserviert, sondern frech und lustvoll weiterdenkt. Die Textbearbeitung ist witzig, die Regie präzise, das Ensemble in Hochform. Dass das Publikum mit langem Jubel und Standing Ovations reagierte, war nur folgerichtig. Diese Produktion beweist, dass es für großes Theater manchmal nicht mehr braucht als einen klugen Text und ein Ensemble, das aus jeder Pointe das Beste herausholt.