„Alles, was Odem hat, lobe den Herrn“

Kultur / 29.07.2026 • 15:04 Uhr
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Die Bregenzer St. Gallus-Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt. Bregenzer Festspiele / Christian Lins

Der Chor des Bayerischen Rundfunks brillierte im Rahmen der Bregenzer Festspiele in St. Gallus.

Bregenz Lilli Paasikivi hat ein Herz für Chorfans: Konnte man 2025 bei den Festspielen den fulminanten finnischen Männerchor YL-Male Voice Choir erleben, so kamen am Dienstagabend die Liebhaber geistlicher Chormusik zum Zug. Unter dem Motto „Im Herzen des Barock“ präsentierte der Chor des Bayerischen Rundfunks in der bis auf den letzten Platz gefüllten Stadtpfarrkirche St. Gallus Vokalwerke der Familie Bach, angefangen von Johann Michael und Johann Christoph, die beide im 17. Jahrhundert lebten, über den großen Johann Sebastian bis zu seinem zweitältesten Sohn Carl Philipp Emanuel – und das genau am Todestag Johann Sebastians.

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Die Sopranistin Julia Price.Bregenzer Festspiele / Christian Lins

Der BR-Chor ist gleich alt wie die Bregenzer Festspiele und eines der renommiertesten Vokalensembles weltweit. Unter dem künstlerischen Leiter Peter Dijkstra erklangen in dem frisch renovierten barocken Kirchenraum Perlen der sakralen Tonkunst. Schon mit den ersten Takten der Motette „Herr, ich warte auf dein Heil“ von Johann Michael Bach bestach der runde, warme Klang des Chores mit achtundzwanzig Sängerinnen und Sängern; die Intensität steigerte sich immer mehr bis zum sehnsüchtigen Abschluss „O komm und hole mich!“. „Lieber Herr Gott, wecke uns auf“ von Johann Christoph Bach begann lebhaft und wechselte dann zu einem polyphonen Abschnitt, alles mit hoher Textdeutlichkeit gesungen. Als Continuo fungierten Max Hanft an der Truhenorgel und Günter Holzhausen am Violone.

Überirdische Schönheit

Einzelne Chormitglieder traten auch als Solisten auf: Der Sehnsucht nach dem Tod und dem ewigen Leben verlieh Gabriel Sin, begleitet von Orgel und Laute (Axel Wolf), mit seinem berückend schönen Tenor in „Komm, süßer Tod“ von Johann Sebastian Bach geradezu überirdische Schönheit, ebenso wie dem schlichteren „O Jesulein süß“. Berührend gestaltete Julia Price mit ihrem schlanken, klar fokussierten Sopran „Bist du bei mir“.

In die ganz anders klingende Welt des Sturm und Drang versetzte einen die Orgelsonate in B-Dur, Wq 70, Nr. 2 von Carl Philipp Emanuel Bach mit ihren sprunghaften Phrasen, dem schmachtenden langsamen Satz und dem fröhlich zupackenden Schluss. Dem Organisten machte es hörbar Spaß, kecke, farbige Register auszuprobieren. Johann Sebastian Bachs gewaltige Motette „Jesu, meine Freude“ klang danach geradezu archaisch und ungemein wuchtig, mit ihren großen, trotzdem schön phrasierten Melodiebögen und ihrer grandiosen Architektur. Es war dies ein Höhepunkt des Konzertes, von Dijkstra mit entschiedenen Gesten und geschmeidigen Handbewegungen suggestiv geformt, vom Chor ungemein plastisch gesungen. Die Motette „Der Kampf der Tugend“ von Carl Philipp Emanuel Bach atmet hingegen im Text schon den Geist der Aufklärung, mit moralisierenden Phrasen wie „Der Fromme, der die Lüste dämpft, hat oft auch seine Leiden, allein der Schmerz, mit dem er kämpft, verwandelt sich in Freuden.“, die Komposition wirkte verglichen mit der Orgelsonate eher altertümlich. Die „Bitten“ des Bach-Sohnes, von Laute, Violone und Orgel begleitet, bestachen durch den interessanten Wechsel von Männer- und Frauenstimmen und den geheimnisvoll auskomponierten Schluss, in dem es ein weiteres Mal um den Tod ging.      

Den Abschluss bildete wieder ein großes Werk von Johann Sebastian Bach, die Motette „Singet dem Herrn ein neues Lied“. Für den Jubel und die stehenden Ovationen bedankte sich Dijkstra persönlich, als Zugabe erklang noch einmal die prachtvolle Schlussfuge „Alles was Odem hat, lobe den Herrn“.

Ulrike Längle