Ein großer Unterschied

Kultur / 31.07.2026 • 12:11 Uhr
Ein großer Unterschied
vmh

VN-Kommentar von Walter Fink.

Vor einer Woche habe ich hier über die großartige Eröffnung der Bregenzer Festspiele geschrieben, habe die Inszenierung ebenso wie die Musik der Wiener Symphoniker, die Rolle der Sängerinnen und Sänger und die besonderen Reden von Kulturminister Andreas Babler und Bundespräsident Alexander van der Bellen sowie die Moderation von Intendantin Lilli Paasikivi hervorgehoben. Ein paar Tage später habe ich mir die Eröffnung der Salzburger Festspiele angesehen, die über weite Strecken dem gleichen Muster mit den gleichen Rednern – wenn auch mit unterschiedlichen Schwerpunkten – folgten. Nur dass in Bregenz die Wiener Symphoniker, in Salzburg das Mozarteumorchester spielten. Also kein Unterschied zwischen Salzburg und Bregenz? Doch. Ein himmelweiter. In zwei Programmpunkten.

Besondere Aufmerksamkeit erregte, dass die Grande Dame des deutschsprachigen Schauspiels, Senta Berger, den Text „Resignation“, den der Gründer der Salzburger Festspiele, Max Reinhardt, in seinem amerikanischen Exil geschrieben hatte, vorlas. Reinhardt war nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten aus Deutschland geflohen, an die Nazi-Regierung schrieb er am 16. Juni 1933: „Der Entschluss, mich endgültig vom Deutschen Theater zu lösen, fällt mir naturgemäß nicht leicht. Ich verliere mit diesem Besitz nicht nur die Frucht einer 37-jährigen Tätigkeit, ich verliere vielmehr den Boden, den ich ein Leben lang gebaut habe und in dem ich selbst gewachsen bin. Ich verliere meine Heimat.“ In „Resignation“, zehn Jahre später geschrieben, beklagte Reinhardt kurz vor seinem Tod den Verlust an den Glauben, dass Kunst die Welt heilen könnte. „Wie kann das Theater, dessen höchstes Gebot die Liebe zum Menschen ist, dessen Schauspieler ihr Herz aufreißen und verschwenden an imaginäre Einzelschicksale, wie kann es konkurrieren gegen die tausend furchtbar wirklichen Tragödien, über die täglich ein gleichgültiger Vorhang fällt?“ Senta Berger brachte diesen Text zum Glühen.

Die folgende Festrednerin, Maryja Kalesnikava, belarussische Musikerin und Bürgerrechtlerin, die erst vor kurzem aus fünfjähriger politischer Haft entlassen wurde, machte an ihrem Schicksal deutlich, das Tragödien dieses Ausmaßes auch heute stattfinden. „Seit genau 226 Tagen lebe ich wieder in Freiheit. Es waren die kostbarsten 226 Tage meines Lebens.“ Kalesnikava betonte, dass es Freiheit nicht gibt ohne Freiheit der Kunst, vor allem aber, dass „Freiheit besonders kostbar wird, wenn man ihren Preis kennt“. Unglaublich schwer sei es in solcher Situation, den Glauben an das Gute zu bewahren. „Mein größter Sieg war, dass ich nicht zuließ, dass Hass in meinem Herzen Wurzeln schlug – und dass ich trotz allem Mensch blieb.“ Und sie habe eine „einfache Wahrheit“ verstanden: „Freiheit beginnt im Inneren des Menschen. Man kann sie einschränken. Man kann sie verletzen. Aber man kann sie einem Menschen nicht nehmen, solange er sie nicht selbst aufgibt.“

Solche Worte waren der Unterschied zwischen der Eröffnung in Salzburg und Bregenz. Und solche Sätze hört man nur, wenn man eine Festrednerin oder einen Festredner einlädt. Das aber versäumt Bregenz leider seit langem.