Jugendlicher Glanz und orchestrale Kraft

Der 21-jährige Guido Sant’Anna begeistert mit Sibelius, Eva Ollikainen und die Wiener Symphoniker triumphieren mit Strawinsky.
Bregenz Das zweite Orchesterkonzert der Bregenzer Festspiele bescherte dem Publikum am Sonntagvormittag ein außergewöhnliches Musikerlebnis. Die Wiener Symphoniker, Dirigentin Eva Ollikainen und der erst 21-jährige brasilianische Geiger Guido Sant’Anna sorgten für einen glanzvollen Höhepunkt des Festspielsommers. Jean Sibelius’ sinfonische Dichtung „Pohjolas Tochter“ zeigte, mit welcher Sorgfalt Ollikainen die Spannungsbögen des Vormittags gestalten würde. Mit eleganter, ausdrucksstarker Körpersprache führte sie die Wiener Symphoniker durch die geheimnisvolle Partitur. Dunkle Farben, flirrende Holzbläserlinien und anschwellende Klangwellen verbanden sich zu einer Erzählung von atmosphärischer Dichte. Ollikainen ließ der Musik Raum zum Atmen, ohne je die Richtung aus den Händen zu geben.
Ruhe und Innigkeit
Zum eigentlichen Ereignis aber wurde Sibelius’ Violinkonzert in d-Moll. Guido Sant’Anna spielte es mit einer Reife, die für sein Alter beinahe unbegreiflich ist. Technische Schwierigkeiten schienen kaum zu existieren, doch weit eindrucksvoller als seine makellose Virtuosität war die innere Glut seines Spiels. Sant’Anna besitzt einen leuchtenden, wandelbaren Ton, der sich mühelos über das Orchester erhebt, ohne je grell zu werden. In den lyrischen Passagen ließ er die Melodien mit Ruhe und Innigkeit aufblühen, in den rasenden Läufen entfachte er eine Energie, die seines Gleichen sucht.

Mehrfach sorgte sein Spiel für Gänsehaut. Im langsamen Satz verbanden sich Konzentration, Schönheit und Verletzlichkeit zu einer beinahe schwerelosen Intensität. Sant’Anna phrasiert mit erstaunlicher Freiheit und findet selbst in leisesten Momenten Ausdruckskraft jenseits bloßer Perfektion. Im Finale steigerte er die Spannung mit furioser Brillanz, rhythmischer Prägnanz und einer Spielfreude, die auf das Orchester übersprang. Ollikainen und die Wiener Symphoniker begleiteten ihn aufmerksam und zugleich mit jener sinfonischen Wucht, die dieses Konzert verlangt.

Der Jubel war überwältigend. Das Publikum wollte den jungen Geiger nicht von der Bühne lassen und entließ ihn erst nach zwei Zugaben (Fritz Kreislers „Recitativo und Scherzo“ und ein Stück von George Enescu) und selbst dann nur ungern. Sant’Anna gehört nicht bloß die Zukunft, sondern bereits jetzt die Gegenwart. Wer ihn in im September mit dem Sinfonieorchester St. Gallen erleben kann, sollte diese Gelegenheit nicht versäumen.
Explosive Dynamik
Nach der Pause stand mit Igor Strawinskys „Le sacre du printemps“ ein Schlüsselwerk des 20. Jahrhunderts auf dem Programm. Auch hier erwies sich Ollikainen als Dirigentin von großer Übersicht und Konsequenz. Sie hielt die komplexen rhythmischen Schichtungen präzise zusammen, ohne die Musik zu zähmen. Unter ihrer Leitung entfaltete der „Sacre“ seine ganze archaische Gewalt. Die Wiener Symphoniker spielten mit schneidender Schärfe, explosiver Dynamik und klanglicher Differenzierung. Holzbläser, Blech und Schlagwerk verzahnten sich zu einem unerbittlich vorwärtsdrängenden Klanggeschehen.
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Trotz aller Wucht blieb die Aufführung transparent. Ollikainen machte hörbar, wie raffiniert Strawinsky seine Klangmassen organisiert und wie aus scheinbarem Chaos eine zwingende Ordnung entsteht. Die Ausbrüche wirkten stets zielgerichtet; die stilleren Passagen entwickelten bedrohliche Ruhe. Am Ende kannte der Jubel erneut keine Grenzen – vollkommen zu Recht.
Ein Höhepunkt des Festspielsommers: mit einer Dirigentin, die Eleganz und Entschlossenheit vereint, mit Wiener Symphonikern in glänzender Form und mit einem jungen Geiger, dessen Spiel Staunen auslöst. Guido Sant’Anna hat sich in Bregenz als Künstler von außergewöhnlicher Persönlichkeit vorgestellt.