Wenn Eleganz auf Chanson trifft

Anne Sofie von Otter glänzte besonders mit Volksliedern aus ihrer schwedischen Heimat.
Bregenz Anne Sofie von Otter zählt seit Jahrzehnten zu den großen Liedinterpretinnen ihrer Generation. Mit ihrem Programm „Douce France“ gastierte die schwedische Mezzosopranistin am 5. August mit Bengan Janson am Akkordeon, Johan Siberg am Klavier, Fabian Fredriksson an der Gitarre und Anders Jakobsson an der Violine im Theater am Kornmarkt. Der Abend führte von Paris über schwedische Volksmusik bis in die Berliner Kabarettwelt der Jahre 1930 bis 1950.
Der erste Teil stand ganz im Zeichen Frankreichs. Charles Trenets „Douce France“, Francis Lemarques „À Paris“, Lieder von Reynaldo Hahn, Édith Piafs „Padam, padam“ oder Georges Moustakis „Ma solitude“ gehören zu einem Repertoire, das von sprachlicher Natürlichkeit, rauer Direktheit und einer leicht brüchigen Färbung lebt. Gerade hier zeigte sich ein Spannungsfeld. Von Otters Stimme besitzt Schönheit, Noblesse und eine bewundernswerte Kontrolle der Linie. Diese klassische Gesangskultur verlieh manchen Chansons jedoch eine Eleganz, die dem unmittelbaren Ton dieser Musik nicht immer entsprach. Wo man Reibung, Patina und eine gewisse Erdigkeit erwartet hätte, blieb oftmals eine Distanz.

Musikalisch wurde dieser Abschnitt vor allem von den Instrumentalisten geprägt. Bengan Janson verlieh den Liedern mit seinem Akkordeon Farbe, rhythmische Beweglichkeit und französisches Kolorit, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Auch Anders Jakobsson setzte auf der Violine prägnante Akzente, ließ seine Linien geschmeidig ausschwingen und führte mit wirkungsvollen Pizzicati in die jazzigeren Bereiche des Programms. Fabian Fredriksson sorgte an der Gitarre für federnde Impulse, während Johan Siberg das Ensemble am Klavier aufmerksam zusammenhielt.
Zu den stärksten Momenten des ersten Teils gehörte Barbaras „Göttingen“. Anne Sofie von Otter fand darin zu einer schlichten, innigen Erzählhaltung, die ihrer Stimme besonders entgegenkam. Textverständlichkeit, Wärme und persönliche Präsenz verbanden sich zu einer Interpretation von großer Glaubwürdigkeit. Einen reizvollen Kontrast bildete Charles Trenets heiteres „Boum!“, bei dem die Sängerin ihre humorvolle Seite zeigte, mit kleinen Gesten spielte und das Publikum mit augenzwinkernder Leichtigkeit für sich gewann.
Stille Melancholie
Der eigentliche Höhepunkt des Abends begann nach der Pause mit den schwedischen Volksliedern. Plötzlich schien von Otter ganz bei sich zu sein. Diese Musik ist ihr vertraut, sie musste keine Haltung suchen und keine stilistische Distanz überwinden. Gesang und Begleitung fanden zu einer Selbstverständlichkeit, aus der stille Melancholie und große Innigkeit erwuchsen. Gerade in den ruhigen, nach innen gekehrten Momenten entstand jene Konzentration, die dem französischen Teil stellenweise gefehlt hatte.

Auch der anschließende Berliner Block mit Liedern von Nico Dostal, Friedrich Hollaender und Hanns Eisler überzeugte stärker als die französischen Chansons. Die deutschen Texte traten klar hervor, Ironie und Schwermut lagen dicht beieinander, und besonders die Brecht-Vertonungen Eislers erhielten eine nachdenkliche Schärfe, ohne plakativ zu wirken. Hier passte von Otters kultivierte, erzählerisch geführte Stimme sehr viel besser zu den Liedern.
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„Douce France“ erwies sich damit als Abend mit zwei Gesichtern. Die französischen Chansons blieben trotz vokaler Noblesse gelegentlich zu stark von klassischer Klangkultur geprägt und wirkten von Otters Ausdruckswelt nicht immer ganz nahe. Sobald sie sich ihrer schwedischen Herkunft und dem deutschen Lied- und Kabarettrepertoire zuwandte, gewann der Abend an Natürlichkeit, Wärme und Überzeugungskraft.