Dionysos im Homeoffice

Im Theater Kosmos feierte Natalie Baudys neues Stück „under the influence“ Premiere.
Bregenz Im Theater Kosmos feierte Natalie Baudys neues Stück „under the influence“, eine Koproduktion von Theater Kosmos, Bregenzer Festspiele, klagenfurter ensemble und Schauspielhaus Salzburg, seine Uraufführung – eingebettet in die Verleihung des Theaterpreises der Österreichischen Theaterallianz an die Autorin. Baudy ist dem Haus längst vertraut: Bereits 2024 wurde hier ihr Stück „Fairycoin“ uraufgeführt. Der heurige Wettbewerb stand unter dem Motto „Tanz auf dem Vulkan – Feiern gegen den Abgrund“, und Baudys Text überzeugte die Jury mit kraftvoller Sprache und einer radikalen, vielschichtigen Auseinandersetzung mit Rausch und Abhängigkeit.
Getrunken wird reichlich in diesem Stück – aus Flaschen, aus Kanistern, aus allem, was sich heben lässt. Drei Frauen aus drei Generationen, Ems, Anja und Liselott (Johanna Hainz, Claudia Carus, Roswitha Soukup), zugleich Spiegel realer Frauenfiguren wie Amy Winehouse, Ingeborg Bachmann und Zelda Fitzgerald, sind in einem Wohnhaus gefangen, das von grotesken Plagen heimgesucht wird: Blutregen, Würmer, stinkende Sportsocken. Abgeschnitten von der Außenwelt kreisen sie um ihre Erfahrungen mit Rausch, weiblicher Sozialisation, Abhängigkeit und patriarchalen Zumutungen. Sie erinnern sich an Nächte, Körper, Verletzungen, an das Leben vor dem Abstumpfen – und an die Sehnsucht nach einem Selbst, das nicht im Alkohol verdampft.
Revueartige Sequenzen
In dieses Chaos tritt Dionysos – allerdings nicht als Gott des Rausches, sondern als degradierte Hausmeisterin, eine mythologische Verschiebung von kosmischer Macht zu alltäglicher Erschöpfung. Lisa Schrammel spielt diese Göttin als schlanke, sonnenbebrillte Frau im kleinen Schwarzen, die müde den Dreck der Plagen wegwischt. Baudy deutet den Mythos radikal um: Während bei Euripides die “Bakchen” die Ordnung zerreißen, hält Dionysos bei Baudy sie gerade noch zusammen – eine Göttin, die ihre Macht verloren hat, aber ihre Pflichten behalten musste. Der Rausch ist nicht mehr ekstatische Befreiung, sondern erschöpfte Routine.

Regisseur Josef Maria Krasanovsky, der ab 2027 die künstlerische Leitung des Theater Kosmos übernimmt, inszeniert den Text als spartenübergreifende Performance mit revueartigen Sequenzen, schnellen Schnitten und bildstarken Tableaus. Die Videoarbeit von Dominika Kalcher im Bühnehintergrund erweitert den Raum zu einem surrealen Innenleben, in dem die Plagen, die Erinnerungen und die mythologische Figur ineinanderfließen.
„under the influence“ ist eine rasante, kurvenreiche Fahrt durch Homeoffice‑Einsamkeit, Social‑Media‑Selbstinszenierung, Beziehungserschütterungen und zerstörerische Exzesse – aber auch durch Momente weiblicher Selbstermächtigung. Baudy zeigt, wie nah Rausch und Befreiung beieinanderliegen, und wie schwer es ist, sich aus gesellschaftlichen und biografischen Zwängen herauszutrinken oder herauszudenken. Langanhaltender Premierenapplaus – ein Abend, der nicht nur rauschhaft, sondern hellwach macht.
Thomas Schiretz
Weitere Termine: www.theaterkosmos.at