Überraschende Jury-Entscheidungen in Locarno

Der Goldene Leopard geht an „Nu e locul tau aici” („Du gehörst nicht hierher”) aus Rumänien.
Locarno Autor und Regisseur Florin Șerban erzählt in „Nu e locul tau aici” die gewaltgetränkte Geschichte einer gestörten Beziehung zwischen einem alleinerziehenden Vater und seinem jugendlichen Sohn. Wie viele Beiträge des internationalen Wettbewerbs zeichnet der Film das Bild einer von Hass, Unsicherheit und Intoleranz geprägten bürgerlichen Welt. Verblüffend ist die Entscheidung dennoch: Andere Arbeiten der Konkurrenz waren formal überraschender und in ihren Gesellschaftsbildern eindringlicher.
Dazu zählen die vielfach als Favoriten gehandelten Filme „Objet a” aus Deutschland und die deutsch-ukrainische Koproduktion „I Rarely Wake Up Dreaming”. Beide gingen bei der Hauptjury leer aus. Immerhin erhielt der Film von Regisseurin Isabelle Stever und Drehbuchautorin Anna Melikova von einer unabhängigen Jugendjury den Umweltpreis „L’ambiente è qualità di vida”.
Der Spezialpreis der Jury, die zweitwichtigste Ehrung, ging an die brasilianisch-deutsche Koproduktion „A Margem do Rio”. Das Regieduo Matheus Farias und Enock Carvalho erzählt von einer schwulen Liebe, die von reaktionären Gewalttätern bedroht wird – mit poetisch überhöhten Momenten, insgesamt aber konventionell. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer nannte den deutschen Film in diesem Jahr prägend für das Festivalprogramm.
Als bester Regisseur wurde der Südkoreaner Hong Sang-soo für „Nun Dul Dega Eomne” geehrt, in dem er erneut leise Verständigungsprobleme innerhalb einer Familie beleuchtet: reizvoll, doch nicht innovativ – auf einem Festival, das sich dem jungen Kino verschrieben hat, fast paradox. Die beiden genderneutralen Darstellerpreise gingen an Kim Min-hee und Monica Bellucci. Lobende Erwähnungen erhielten Teodor Butănescu und Xavier Bergeron.
Erstmals vergab eine Jugendjury in der Sektion „Locarno Kids” einen Preis: 13 Kinder zwischen 11 und 15 Jahren wählten „Paradeisa”, das Spielfilmdebüt der Deutschen Marleen Valien, eine pointierte Tragikomödie. In „Cineasti del Presente” ging der Jugendjurypreis an „Tear Gas” des Georgiers Uta Beria. Im internationalen Wettbewerb liefen 17 Filme, insgesamt zeigte das Festival an elf Tagen 233 Produktionen.