Schubert als große metaphysische Architektur

Starpianist David Fray begeisterte bei der Schubertiade in Schwarzenberg.
schwarzenberg 2026 ist das Jahr von zwei der wichtigsten Festivals in Vorarlberg: 80 Jahre Bregenzer Festspiele und 50 Jahre Schubertiade! Den Auftakt zur August-Schubertiade in Schwarzenberg bestritt am Freitagabend einer der derzeit angesagtesten und profiliertesten Pianisten seiner Generation, David Fray. Der französischstämmige Künstler hat sich vor allem einen Namen als herausragender Interpret des deutsch-österreichischen Repertoires, allen voran Johann Sebastian Bach und Franz Schubert, aber auch mit Haydn, Mozart, Brahms und Schumann weltweit einen Namen gemacht und konzertiert regelmäßig mit den weltbesten Orchestern wie dem New York Philharmonic, dem Royal Concertgebouw-Orchestra oder dem Chicago Symphony Orchestra. Gefördert wurde er unter anderen durch Paul Badura-Skoda, Christoph Eschenbach und Pierre Boulez. Sein Schwiegervater ist kein Geringerer als der Stardirigent Riccardo Muti.
Auf dem Programm des Abends standen die drei Schubert‑Werke: Impromptu Ges‑Dur D 899/3, die Sechs Moments musicaux D 780 und die Klaviersonate B‑Dur D 960. Zusammen bilden diese drei Werke ein Panorama von Schuberts Spätstil: vom intim‑lyrischen Miniaturgedicht über den zyklischen Charakterstück‑Kosmos bis zur metaphysischen Weite der letzten Sonate. Trotz ihrer unterschiedlichen Gattungen erscheinen die drei Werke wie drei Perspektiven auf denselben “inneren” Schubert: das Lied (Impromptu), die Miniaturwelt (Moments musicaux) und die monumentale, zeitentrückte letzte Sonate (Sonate B-Dur). Viele Kritiker haben auf Frays besondere Affinität zu Schubert hingewiesen. Fray bemerkte einmal: „Bei Schubert kommen mir zwei Wörter in den Sinn: Eleganz und Zerbrechlichkeit.“

Ungewöhnlich an David Frays Spiel ist nicht nur seine äußerst präzise Art, und die schon angesprochene Eleganz, sein unerbittlicher, kraftvoller Anschlag, die seinem Spiel einen ungemein „feinherben“ Charakter verleihen sowie eine Art von visueller Poesie „vom noch nicht Sichtbaren zum Sichtbaren“, sondern auch seine ungewöhnliche Sitzhaltung. Fray benutzt für sein Spiel einen Klavierstuhl mit Lehne und erinnert dabei an den legendären Glenn Gould – der spielte auf einem selbst modifizierten Klavierstuhl mit Lehne, den sein Vater für ihn umgebaut hatte – vielleicht auch deshalb, um den körperlichen Schwerpunkt beim virtuosen Klavierspiel auszubalancieren, oder dem Ganzen damit eine nonchalante Note zu geben, man wirkt dabei natürlicher, entspannter, auch relaxter; allerdings läuft man dadurch auch Gefahr, leicht überheblich zu wirken, was bei Fray keineswegs zutrifft. Das Impromptu spielte er mit einer extrem kontrollierten, atmenden Phrasierung (man konnte parallel seine eigene Atmung, sein Heben und Senken, sein Innehalten, beobachten), kein lyrisches Andante, keine Entrücktheit, sondern ein präzises nahezu vokales Legato. Die Moments musicaux sind bei Fray klar definierte Miniaturen, die zusammen ein unglaublich dichtes Ganzes bilden, weniger salonhaft, eine Art „Ernstheiterkeit“, strukturell durchdacht. Der Funke sprang vollends beim furiosen Finale von Schuberts letzter Klaviersonate über. Wird über Schuberts Klaviersonate D 960 oft geschrieben, dass sie alle Fragen offenlässt, so kann man bei Frays Spiel die Antwort auf alle Fragen erkennen. „Darf man nach der letzten Sonate noch was spielen?”, fragte Fray ins Publikum. „Keine Ahnung“, und er spielte als Zugabe eine fein ziselierte Flötensonate Es-Dur (BWV 1031) von Bach. Standing Ovations, ein perfekter Auftakt!
Thomas Schiretz