Ein wunderbares Irrlichts‑Spiel

Sophie Rennert und Joseph Middleton verwandeln Schuberts “Winterreise” in ein modernes Psychogramm.
Bregenz Dem Herrn sei’s gedankt – die “Winterreise” gehört heute nicht mehr nur den Männern. Mit der “Winterreise” ist es so eine Sache: Jahrzehntelang galt sie als männliches Hoheitsgebiet, als seelischer Monolog eines Wanderers, den vor allem Baritone und Tenöre zu gestalten hatten. Seit Brigitte Fassbaenders legendärem Tabubruch in den 1980er‑Jahren hat sich eine ganze Tradition weiblicher Winterreise‑Interpretationen entwickelt. Fassbaender öffnete die Tür, Christa Ludwig und Janet Baker gingen hindurch, Joyce DiDonato und Alice Coote bauten den Raum aus. Und nun steht Sophie Rennert in dieser Linie – mitten im Sommer, mitten in Schuberts seelischer Landschaft. Eine Tradition, die Rennert nun mit großer Selbstverständlichkeit fortschreibt.

Gemeinsam mit Joseph Middleton, ihrem kongenialen Partner am Klavier, zeigt sie, wie modern und universell dieser Zyklus geworden ist. Die alten Argumente – eine hohe Stimme verwische die Wortdeutlichkeit, die Perspektive sei “zu männlich” – wirken angesichts ihrer Interpretation wie Relikte. Rennert singt klar, präzise, textbewusst, mit einer kontrollierten, psychologisch motivierten Dynamik, die den Zyklus nicht heroisiert, sondern intim und verletzlich macht.

Schuberts “Winterreise” ist der Olymp, Gipfel und zugleich Prüfstein des Kunstlieds: 24 Lieder, die wie Kapitel eines Romans funktionieren, jedes notwendig, keines austauschbar. Form follows function: Die musikalische Form bildet den emotionalen Zustand des Wanderers ab. Schubert nutzt in fast allen 24 Liedern ein gleichmäßiges, rhythmisches Grundmuster im Klavier, das repetitive “gemessene Wandern”. Die “Form” ist die Melodie, die Harmonie, die Rhythmik etc., die “Funktion” ist der emotionale Zustand des Wanderers und der Inhalt der Gedichte von Wilhelm Müller. Als Beispiel sei hier das Lied “Erstarrung” genannt. Die Funktion: Der Wanderer sucht im Schnee verzweifelt nach den Fußspuren seiner Geliebten, er ist in einem Zustand hyperaktiver, panischer Verzweiflung. Die Form folgt: Schubert bricht mit der typischen Liedstruktur und komponiert eine ununterbrochene, rasende Triolen-Bewegung am Klavier und bildet damit die manische Fixierung des Wanderers perfekt ab. Middleton liefert dafür die perfekte Unterfütterung und Rennert die perfekte gesangliche, narrative Intelligenz.

Rennert macht die “Winterreise” weniger “männlich/heroisch”, dafür “intimer/weiblicher”, vielleicht auch verletzlicher, jedenfalls moderner. Sie arbeitet nicht mit Crescendi, und ihre Klinge ist fein und psychologisch motiviert und in den Momenten bitterer Ironie blitzt sogar ein komödiantisches Talent auf, das die Selbsttäuschungen des Wanderers mit feiner Geste markiert. Middleton ist der ideale Partner: atmosphärisch, strukturell klar, erzählerisch intelligent. Er unterfüttert, sie führt – und doch entsteht eine Symbiose erster Güte, ein gemeinsamer Atem, ein gemeinsamer Blick auf Schuberts unerbittlichem Weg. Am Ende großer Beifall von allen Schubertiade‑Aficionados. Eine Winterreise mitten im Sommer – und ein wunderbares Irrlichts‑Spiel, das man nicht vergisst. Thomas Schiretz