Dystopische Dürre

Ginevra Lamberti beschreibt in ihrem neuen Roman düstere Szenen in Italien.
Schwarzach Die italienische Autorin Ginevra Lamberti ist für ihre Kurzgeschichten und Romane bekannt. Für ihr zweites Werk “Perché comincio dalla fine” erhielt sie den renommierten “Premio Mondello”, einen der bedeutendsten italienischen Literaturpreise. Außerdem schreibt Lamberti für das internationale Lifestyle- und Kulturmagazin “Vanity Fair” sowie das italienische Politik- und Gesellschaftsmagazin “Domani”. Nun ist ihr neues Werk “Das Wasser wiegt schwerer als die Zeit” erschienen.
Ausgestorben und ausgeraubt
“Das Wasser wiegt schwerer als die Zeit” spielt in einem weit in der Zukunft liegenden Italien. Und es ist heiß, sehr heiß. In den trockenen Monaten steigen die Temperaturen auf nahezu 60 Grad Celsius. Den Einstieg in das Geschehen beschreibt Lamberti malerisch. Überreste eines Krankenhauses: “Das Zimmer ist ein Netz aus Rissen. Von den Wänden blättert die Farbe in Zungen ab. Bevor sie zu Boden fallen, bleiben sie eine Zeit lang hängen.” Die Medikamente wurden geplündert, die automatischen Türen funktionieren nicht mehr. Auch eine Behandlung ist nicht gewiss. Der dort praktizierende Arzt zieht von Dorf zu Dorf – wenn die Patienten Glück haben, ist er vor Ort und versorgt sie.

Das “Dunkle Tal”, so wird jener Ort genannt, gleicht der provisorischen Ambulanz in gewisser Weise. Nach und nach sind seine 20.000 Bewohner gegangen. Im “Dunklen Tal” leben nun nur noch ein paar Dutzend Menschen, im Zentrum kaum mehr als 1000. Im Gegensatz zu dieser tristen Dystopie war damals alles grün. Heute kaum noch vorstellbar. An den Häusern hängen “Zu-verkaufen”-Schilder, aber die Telefonnummern existieren nicht mehr. Auch Licht gibt es nicht mehr, weil die Kraftwerke aufgrund des Wassermangels schließen mussten.
Eine neue Freundin
Das “Dunkle Tal” wird für die dreijährige Dalia ihre neue Heimat. Gemeinsam mit ihrer Familie zieht das Mädchen von der Ebene in das dystopische Örtchen. Mit acht Jahren kommt Dalia nach einem schweren Unfall in die provisorische Ambulanz. Nachdem sie entlassen wird, muss das junge Mädchen jedoch feststellen, dass niemand auf sie wartet. Zuflucht findet Dalia bei der alten Lehrerin Fioranna. Sie kann sich noch daran erinnern, wie das Leben vor dem Verfall war. Zwischen den beiden entsteht eine starke Bindung. Doch zehn Jahre später stirbt Fioranna. Dalia begräbt ihre alte Freundin und schlägt einen neuen Lebensweg ein: Sie sucht das “Dorf der Brunnen”, eine Siedlung in den Bergen, auf. Dort wird sie von einer kleinen Gruppe aufgenommen, doch eine Bande von Kriminellen treibt hier ihr Unwesen. Ist das “Dorf der Brunnen” doch kein sicherer Ort für Dalia?
Unheimliche Aktualität
Hitzewellen über ganz Europa. “Das Wasser wiegt schwerer als die Zeit” scheint aktueller denn je. Fast schon unheimlich ist es, den Roman angesichts der heutigen Entwicklungen zu lesen. Doch so düster Lambertis Roman auch ist, umso ergreifender ist die Geschichte der starken Dalia. Mit malerischen Beschreibungen haucht die Autorin ihren Worten Leben ein, auch wenn die Erzählung an der einen oder anderen Stelle etwas langatmig wirkt.
“Das Wasser wiegt schwerer als die Zeit”, Ginerva Lamberti, Piper Verlag, 304 Seiten