Schnitzeljagd im Schneegestöber

Schwarzach Sechs Bücher sind es, die im literarischen Kosmos der Lehmann-Brüder erschienen sind. Nun, fünf Jahre nach „Glitterschnitter“, ist mit „Frankie und Freddie“ der neue und siebte Frank-Lehmann-Roman aus dem Hause Regener erschienen. Mit „Frankie und Freddie“ kehrt Sven Regener – kein Unbekannter in der deutschen Musik-, Kunst-, Film- und Kulturszene, insbesondere bekannt als Sänger und Gitarrist der deutschen Band „Element of Crime“ – zurück ins weihnachtliche Berlin der 1980er-Jahre.
Opel Kadett
Stichwort Berlin der 1980er-Jahre: Grau in grau, viel Smog, gelber Nebel, es schneit und eigentlich braucht man in West-Berlin gar kein Auto. Trotzdem hat sich Frankie ganz bewusst für das Auto entschieden, um seinen Bruder vom „Psycho Hotel“ abzuholen, doch der blöde Opel Kadett will einfach nicht anspringen.
Einerseits will er seinem Bruder die Fahrt mit der U-Bahn und dem Taxi ersparen, andererseits will er sie nutzen, um Freddie in ein persönliches Gespräch zu verwickeln. Freddie will nämlich nach New York gehen, dabei ist Frankie gerade dabei, in Kreuzberg Fuß zu fassen. Aber was hat es mit dem „Psycho Hotel“ auf sich?
Das „Psycho Hotel“ ist ein Probandenhotel: Freddie testet dort Antidepressiva im Rahmen einer klinischen Studie – aber zurück zum Auto: Es will in Zeiten des Vorglühens einfach nicht anspringen! Doch da ist sein Mitbewohner Karl, der aufgrund seines Jobs als Straßenkehrer eine Citroën-Kastenente hat. Das Ersatzfahrzeug steht also bereit. Das Problem? Nur Karl darf den Dienstwagen fahren. Und Chrissie, Frankies Mitbewohnerin, will auch mitkommen. Aus dem Gespräch wird vorerst nichts.
Psycho-Hotel
Im Psycho-Hotel angekommen, will auch schon der Arzt mit Frankie sprechen. Die Studienleiter wollen ihr Versuchskaninchen Freddie noch länger im „Psycho-Hotel“ behalten, doch das hält die Brüder nicht davon ab, die Flucht zu ergreifen. Sie springen in die Kastenente und machen sich auf den Weg in die WG in der Wiener Straße. Es dauert nicht lange, bis Freddie merkt, dass er etwas vergessen hat. Sein Reisepass, das US-Visum und die Flugtickets für New York liegen noch im Psycho-Hotel! Aber wie kommen die Brüder jetzt zum Hotel? Die U-Bahn kommt nicht infrage und Frank ist mit der Kastenente aufgebrochen, denn er muss Berlins Straßen vom Schnee befreien! Was hier beginnt, ist eine Schnitzeljagd voller Wendungen durch das verschneite West-Berlin der 1980er-Jahre.
Kein gewöhnlicher Roman
„Frankie und Freddie“ ist kein Krimi und hat auch keinen Spannungsaufbau im klassischen Sinne. Den braucht Regener auch nicht. Man liest den Roman gerne. Die Geschichte geht einfach so dahin, Dialoge über Nebensächliches. Wenige Punkte, viele Beistriche. Sätze, die sich über Seiten hinweg ziehen. Das ist Sven Regeners Art zu schreiben. Und sie verleiht dem Roman trotz Schneckentempo eine gewisse Dynamik und etwas ungemein Menschliches. Es geht um mehr als nur einen verlorenen Pass: „Frankie und Freddie“ ist eine melancholische, herzliche, zugleich lustige Geschichte zweier Brüder auf der Suche nach sich selbst, mit unzähligen Wendungen und Schlamasseln.
Martin W. Wanko