Gegen den Strom des Gewohnten

Das Schallwende-Festival in Feldkirch präsentierte auch heuer wieder zeitgenössische Musik.
Feldkirch Mit „Stromaufwärts“ stellte sich das erste Konzert der Reihe Schallwende im Theater am Saumarkt programmatisch gegen das Gewohnte. Das Motto war Programm: Hören gegen den Strom des Gewohnten, mit spürbarem Widerstand. Die Flüsse Frutz, Ill und Frödisch, die den Vorarlberger Raum landschaftlich und kulturell prägen, stehen als Leitbilder für Regionalität, Erdverbundenheit, aber auch für Zusammenfluss und Dynamik, ein willkommener Gegenentwurf zur oft selbstbezogenen Szene-Neuen-Musik.

Schon der Auftakt im Foyer machte deutlich, dass diese Musik die Nähe zum Publikum sucht. In Juta Pranulytės „Turbulenz“ für Horn und Bassbariton begegneten sich Johannes Beranek und Harald Hieronymus Hein in einer ungewöhnlichen Klangkonstellation. Stimme und Horn schienen einander zu umkreisen, zu reizen und neu auszutarieren. Morgana Petriks „Du sublime au ridicule“ für Kontrabass, gespielt von Christopher Bainbridge, überzeugte mit klarem Gestaltungswillen und einer starken Präsenz des Soloinstruments.

Im Saal setzte das Programm mit Michael Amanns Uraufführung „Flusslandschaften mit Inseln” für zwei Violinen, Viola, Violoncello und Kontrabass fort. Der aus Rankweil stammende Komponist, selbst am Landeskonservatorium Feldkirch sozialisiert, entwarf ein Klangbild, das seines Titels würdig war: breite, fließende Flächen, dazwischen ruhende klangliche „Inseln”, in denen die Musik wie angehalten zu lauschen scheint. Franz Michael Fischer, Georgy Begletsov, Katharina Plankensteiner, Daria Zemskaia und Christopher Bainbridge zeichneten eine Musik nach, die Bewegung nicht als bloße Illustration verstand. Vielmehr entstanden Strömungen, Verdichtungen und Ruhepunkte, die sich organisch voneinander abhoben. Die Uraufführung gehörte zu den stärksten Momenten des Abends, weil Amann klangliche Vorstellungskraft und formale Übersicht miteinander verband.
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Johannes Beranek stand als Hornist, Dirigent und Komponist im Zentrum des Konzerts. In Alexander Wagendristels Uraufführung „Water and Stone“ füllte er den Solopart virtuos aus. Gemeinsam mit den Musikerinnen und Musikern des Wiener Concert-Vereins entwickelte er prozesshafte, teils statische musikalische Phrasen, die sorgfältig aufeinander abgestimmt waren. Gerade aus dem Wechsel zwischen Bewegung und Verharren entstand ein abwechslungsreiches Hörerlebnis. Christian Ofenbauers 9. Streichquartettsatz erwies sich selbst für geübte Ohren als zu sperrig. Seine Verdichtung, die Brüchigkeit und die Verweigerung vertrauter Orientierung forderten hohe Konzentration. Das war konsequent gedacht, blieb im Hörerlebnis jedoch schwer zugänglich.

Zum abschließenden Höhepunkt wurde Beraneks eigenes Werk „im licht das licht.“ für Streichquintett und Hornsolo, dem ein Gedicht von Christian Lehnert zugrunde liegt. Hier bündelte sich vieles, was der Abend zuvor angedeutet hatte: Konzentration, Transparenz, Widerstand und das Suchen nach einem Klang jenseits des Verfestigten. Beranek führte das Horn nicht als dominantes Soloinstrument, sondern als Teil eines fein austarierten Klangraums, in dem sich Linien öffneten, überlagerten und wieder zurücknahmen.

Schallwende versteht sich als Festival, das von Komponistinnen und Komponisten selbst kuratiert wird. Das Konzert am Freitagabend zeigte, welches Potenzial in diesem Ansatz liegt. Nicht jedes Werk erschloss sich gleichermaßen, doch gerade darin lag eine Qualität des Abends. Neue Musik erschien als Feld unterschiedlicher Positionen. „Stromaufwärts“ war damit mehr als ein Titel: Es war ein hörbares Programm.