Der Mann, der die Zeit in Schleifen legte

Kultur / 02.10.2026 • 13:30 Uhr
Holland_Festival_componist_Steve_Reich_kop,_Bestanddeelnr_928-6489.jpg
Steve Reichs wichtigstes Werk „Music for 18 Musicians“ wurde vor 50 Jahren uraufgeführt.Hans Peters

Steve Reich, Pionier der Minimal Music, wird am 3. Oktober 90 Jahre alt.

Es begann mit einem Zufall. In San Francisco hatte der junge Steve Reich einen Straßenprediger auf Tonband aufgenommen. Er ließ dieselbe Wortschleife auf zwei Bandmaschinen gleichzeitig laufen, und weil die Geräte minimal unterschiedlich schnell liefen, drifteten die Spuren langsam auseinander. Aus dem Gleichklang wurde ein Echo, aus dem Echo ein flirrendes Klanggewebe. „It’s Gonna Rain“ (1965) war geboren und mit ihm das Prinzip der Phasenverschiebung, das sein Werk über Jahrzehnte prägen sollte.

Was folgte, hat die Musik verändert. Der 1936 in New York geborene Reich studierte Philosophie an der Cornell University, dann Komposition an der Juilliard School und bei Luciano Berio. Vom Komplexitätsideal der europäischen Nachkriegsavantgarde wandte er sich radikal ab. Stattdessen: ein durchgehender Puls, kleine Muster, die sich über lange Strecken kaum merklich verwandeln. 1970 reiste er nach Ghana, um afrikanisches Trommeln zu studieren, daraus entstand das rund einstündige „Drumming“. Für „Clapping Music“ genügten ihm später zwei Paar Hände.

Sein Hauptwerk feiert heuer ebenfalls Jubiläum: „Music for 18 Musicians“ wurde vor 50 Jahren in New York uraufgeführt. Eine Stunde lang kreisen Marimbas, Klaviere, Klarinetten und Frauenstimmen um elf Akkorde, in einer Musik, die zugleich stillzustehen und unaufhaltsam voranzudrängen scheint.

Dass Reich mehr ist als ein Erfinder von Mustern, zeigte er 1981 mit „Tehillim“, Vertonungen hebräischer Psalmen, in denen er sich seinen jüdischen Wurzeln zuwandte, und vollends 1988 mit „Different Trains“. Als Kind war er nach der Scheidung seiner Eltern oft im Zug zwischen New York und Los Angeles gependelt. Als Jude, so wurde ihm später bewusst, wäre er zur selben Zeit in Europa in ganz anderen Zügen gesessen. Aus Sprachaufnahmen, unter anderem von Holocaust-Überlebenden, formte er Melodien für Streichquartett.

Sein Einfluss reicht weit in Pop und Clubkultur, von Brian Eno bis zu Radioheads Jonny Greenwood. 2009 erhielt er den Pulitzerpreis. Und Reich schreibt weiter: Ende August wurde in Edinburgh sein neues Ensemblestück „In All Your Ways“ uraufgeführt, das nach seinen eigenen Worten harmonisch beweglicher ist als vieles davor.