Der Davidstern auf dem Christbaum

Das Landestheater eröffnet seine Spielzeit mit Tom Stoppards „Leopoldstadt“.
Bregenz Wer aus dem Familienalbum verschwindet, stirbt ein zweites Mal. Mit diesem Gedanken setzt „Leopoldstadt“ ein, das letzte Stück des 2025 verstorbenen Tom Stoppard, und gegen dieses zweite Sterben schreibt es an. Stoppard, 1937 als Tomáš Straüssler im mährischen Zlín geboren, kam nach der Flucht seiner Familie über Singapur und Indien nach England und erfuhr erst spät, dass alle vier Großeltern in Konzentrationslagern ermordet worden waren. Er habe als glücklicher Engländer gelebt und nie nachgefragt, bekannte er später, und dieses Versäumnis verhandelt er in seinem persönlichsten Werk. In der Figur des jungen Leo, der seine Wiener Herkunft vergessen hat, bis ihn ein Auschwitz-Überlebender zur Rede stellt, hat er sich selbst porträtiert.

Erzählt wird über vier Generationen die Geschichte der jüdischen Familie Merz. Sie beginnt mit einem Weihnachtsfest im großbürgerlichen Salon, bei dem ein Kind einen Davidstern auf den Christbaum steckt. Der Fabrikant Hermann glaubt, mit Taufe, Geld und Bildung dazuzugehören. Doch der Liebhaber seiner Frau verweigert ihm das Duell: Ein Jude habe keine Ehre, die man verletzen könnte. Sein Schwager Ludwig hatte es ihm vorausgesagt: Für die Wiener Gesellschaft bleibt ein Jude ein Jude, getauft oder nicht. Über die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg führt der Weg bis zur Pogromnacht 1938 und zur Vertreibung aus der Wohnung. Am Ende stehen 1955 drei Überlebende in den leeren Räumen, und die Namen der Toten werden verlesen.

Das Problem des Stücks liegt in seinem Zielpublikum. Stoppard hat „Leopoldstadt“, 2020 in London uraufgeführt, für Zuschauer geschrieben, die die österreichische Geschichte nicht kennen. Wer mit ihr vertraut ist, erlebt manche Szene wie einen vorgelesenen Wikipedia-Eintrag. Was in London oder am Broadway als Entdeckung gelten mochte, wirkt in Bregenz oft wie Nachhilfe. Lueger, Zionismus, Weltkrieg, Inflation und „Anschluss“ werden pflichtschuldig abgehandelt, als hake Stoppard eine Liste ab.

Die Figuren sind teils klischeehaft gezeichnet und stehen eher für Haltungen als für Menschen. Die starke erste Hälfte mit ihren Debatten, Liebschaften und Familienintrigen trägt den Abend nicht bis zum Ende, später wird aus dem Gesellschaftspanorama zunehmend eine Geschichtsstunde.

Dass man dennoch dranbleibt, liegt an den Darstellern. Allen voran Thieß Brammer und Michael Witte geben ihren Figuren eine Tiefe und Glaubwürdigkeit, die der Text nicht immer hergibt. Aber auch Isabella Campestrini, Olga Gubina, Rebecca Hammermüller, Luzian Hirzel, Maria Lisa Huber, Nurettin Kalfa, Nico Raschner-Ernst, Nanette Waidmann und Sabine Wegmann sowie die tollen Kinderdarsteller überzeugen in wechselnden Rollen und lassen die weitverzweigte Sippe lebendig werden. Sie springen zwischen Generationen, Lebensaltern und Temperamenten, ohne dass die Übersicht verloren geht, und in den leisen Momenten entsteht jene Beklemmung, die das Stück allein nicht erzeugt.

Auch die Inszenierung von Johannes Lepper kann sich sehen lassen. Weil das Theater am Kornmarkt saniert wird, weicht das Landestheater in die Werkstattbühne des Festspielhauses aus, und Lepper nutzt diese Ersatzspielstätte ausgesprochen gut. Doreen Back hat eine gelungene Bühne geschaffen, ihre Videos sorgen für eindrucksvolle Momente. Großartig sind die Kostüme von Monika Gebauer. Ein Ärgernis ist dagegen die Musik, die zum Teil viel zu laut eingespielt wird, manche Zuschauer mussten sich die Ohren zuhalten.

Unterm Strich bleibt ein rund dreistündiger Abend, der wegen seines Ensembles und seines Anliegens sehenswert ist. Stoppards Familienalbum wird in Bregenz würdig aufgeblättert. Nur kennt man hierzulande die meisten Seiten schon.
