Wenn aus drei Stimmen eine wird

Viviane Hagner, Adrian Brendel und Till Fellner krönten das Jubiläumsjahr der Schubertiade.
Hohenems Manche Werke glaubt man zu kennen, bis sie einem plötzlich neu begegnen. Schuberts Klaviertrio Es-Dur gehört dazu: Viviane Hagner, Adrian Brendel und Till Fellner ließen es am Sonntagvormittag im Markus-Sittikus-Saal in Hohenems klingen, als würde es eben erst entdeckt, ein Höhepunkt am letzten Wochenende der Jubiläumssaison. Klug gebaut war schon die erste Programmhälfte. Liszts sinfonische Dichtung „Orpheus“ in der Triofassung von Camille Saint-Saëns legte sich wie ein leiser Prolog über den Saal, getragen von Hagners schlankem, silbrigem Geigenton. Bachs Inventionen gerieten ihr und Brendel zum feingliedrigen Zwiegespräch zweier gleichberechtigter Stimmen. In Haydns Es-Dur-Trio führte Fellner mit Leichtigkeit und feinem Witz, ganz im Geist einer Gattung, in der das Klavier noch den Ton angab.

Wie weit Schubert diese Gattung drei Jahrzehnte später getrieben hat, zeigte der zweite Teil. Das Trio entstand im November 1827 und stand im Zentrum jenes einzigen öffentlichen Konzerts, das der Komponist am 26. März 1828 in Wien mit eigenen Werken gab. Schon im eröffnenden Allegro bewiesen die drei, dass große Dimensionen keine große Geste brauchen. Die markanten Unisono-Schläge des Beginns setzten sie energisch, aber ohne Härte, Fellner hielt den Klaviersatz durchsichtig, sodass Geige und Cello nie gegen das Klavier anspielen mussten. Gerade in den weiten Modulationen der Durchführung blieb die Spannung hoch, weil jeder Übergang Ziel und Richtung hatte.
Verzahnung der Stimmen
Herzstück war das Andante con moto. Schubert hatte sich für das Thema von einem schwedischen Lied anregen lassen, und Adrian Brendel ließ es im Violoncello mit schlichter, fast sprechender Wärme erklingen, getragen von Fellners gleichmäßig pochenden Akkorden, die wie ein unaufhaltsamer Gang wirkten. Als Hagner die Melodie übernahm, verdichtete sich der Satz zu jenen Ausbrüchen, in denen Schubert die Fassung zu verlieren scheint. Die drei spielten diese Steigerungen mit voller Kraft aus und fanden doch immer wieder in die Stille zurück. Das kanonische Scherzando wirkte danach wie ein heiteres Versteckspiel, leicht und präzise in der Verzahnung der Stimmen, das Trio mit kräftigem, ländlichem Zugriff. Im ausgedehnten Finale schließlich zeigte sich, wie genau das Ensemble die Architektur des Werks erfasst hatte. Von „himmlischen Längen“ sprach Robert Schumann bei Schuberts großer C-Dur-Sinfonie. An diesem Vormittag wurde keine Minute lang.

Mit dem Oktober-Wochenende ging ein Jubiläumsjahr zu Ende, das an die Wurzeln erinnerte. Eröffnet wurde es in Hohenems mit der Rekonstruktion des Programms der ersten Schubertiade vom 8. bis 16. Mai 1976. In neun Konzerten erklang jener „Strauß berühmter und bekannter Werke Schuberts“, mit dem Festivalgründer Hermann Prey die Schubertiade damals erstmals der Öffentlichkeit präsentierte. Dass die Idee von damals nichts von ihrer Strahlkraft verloren hat, belegen die Zahlen: 49 Konzerte standen heuer in Hohenems und Schwarzenberg auf dem Programm, 20.700 Besucher kamen, die Auslastung lag bei 95 Prozent.
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Der Blick nach vorn fällt nicht weniger verheißungsvoll aus. Auch 2027 bringt die Schubertiade internationale Spitzenkräfte nach Hohenems und Schwarzenberg, geplant sind 58 Konzerte, darunter 24 Liederabende, 24 Kammerkonzerte, neun Klavierabende und eine Klaviermatinee. Die Schubertiade bleibt damit, was sie seit fünf Jahrzehnten ist: das weltweit bedeutendste Schubert-Festival und ein Ort, an dem man Werke wie das Es-Dur-Trio immer wieder neu entdecken kann.