Die Rückverzauberung der Bilder

Kultur / 11.10.2026 • 13:47 Uhr
Edgar Leissing vor seinem Bild SchonbezugSchaumtänzerin
Edgar Leissing vor seinem Bild SchonbezugSchaumtänzerin Thomas Schiretz

Edgar Leissing präsentiert seine neuesten Arbeiten in der Galerie 9und20

Bregenz Edgar Leissing kehrt nach fast zwei Jahrzehnten mit einer Ausstellung in die Stadt zurück, in der er geboren wurde und seine Kupferdruckwerkstatt betrieb. Die Galerie 9und20 in Bregenz zeigt unter dem Titel „InspirationsquellenVorbildverdauung 2“ neue Arbeiten eines Künstlers, der seit über vierzig Jahren das visuelle Material unserer Gegenwart seziert, verschraubt und neu zusammensetzt. Leissing bleibt unverkennbar und markant: seine surreal verdrehten Körper, seine manieristisch gekrümmten Figuren, seine präzise Linienklarheit und die obsessive Suche nach Balance sind sofort identifizierbar und originär.

KnitterfreiWeggelächelt, 2026
KnitterfreiWeggelächelt, 2026 Thomas Schiretz

Der ehemalige „Bilderjäger“ hat sich längst vom bloßen Sammeln gelöster Fragmente emanzipiert, doch das Prinzip bleibt: Ordnen, Kombinieren, Verdichten. Seine Werke sind Gefüge aus Körperteilen, Masken, Getier, ikonischen Persönlichkeiten und beiläufigen Schnappschüssen. Sie handeln von Metamorphosen und Posen, vom Unbekannten und vom Überbekannten, vom Banalen und vom Außergewöhnlichen. Leissing spielt diese Gegensätze gegeneinander aus, als würde er das visuelle Archiv der Welt neu mischen.

Edgar Leissing vor seinem Bild LebensgefühlsechtGeschmeidigkeit Lucian Freud, 2026
Edgar Leissing vor seinem Bild LebensgefühlsechtGeschmeidigkeit Lucian Freud, 2026 Thomas Schiretz

Sein Verfahren erinnert an Walter Benjamins Begriff des mimetischen Vermögens – die Fähigkeit, Ähnlichkeiten nicht nur zu erkennen, sondern zu erzeugen. So verschränkt Leissing das Bild der österreichischen Malerin Maria Lassnig „Du oder ich“ (2005) mit Caravaggios Medusenhaupt (1597), oder widmet dem US-amerikanischen Maler und Grafiker Robert Rauschenberg sowie dem gebürtigen Berliner Lucian Freud, einem der bedeutendsten Porträtmaler des 20. Jahrhunderts, eigene, humorvoll verschlüsselte Hommagen.

Familiengeschichte

Diese Bildkombinatorik ist kein Spiel der Beliebigkeit, sondern ein präzises Nachdenken über das Verhältnis von Kunstgeschichte und persönlicher Imagination. Nahezu zwei Wände widmet er “seiner eigenen Familiengeschichte”.

Blick in die Ausstellung von Edgar Leissing
Blick in die Ausstellung von Edgar Leissing Thomas Schiretz

Besonders markant ist Leissings Umgang mit der Makulatur. Das farbige Papier, das in der Kunstschule Liechtenstein im Papierkorb landet, wird bei ihm zum Ausgangspunkt einer ästhetischen Rückverzauberung. Der Kunsthistoriker Beat Wyss sprach einmal von der „Rückverzauberung entzauberter Dinge“ – Leissing führt diesen Gedanken weiter. Aus Makulatur wird Material, aus Abfall Zufall, aus Zufall Notwendigkeit. Arno Geigers Satz „Wer dem Zufall keine Zutrittsmöglichkeiten gewährt, an dem geht vieles vorbei“ könnte als Motto über dieser Ausstellung stehen.

Gegenständlichkeit und Konstruktion

FarbformGleichgewicht, 2023
FarbformGleichgewicht, 2023 Thomas Schiretz

Leissing gewährt dem Zufall nicht nur Zutritt, er macht ihn zum Gestaltungsprinzip. Seine Collagen, Farbkreisexplosionen und Zeitungsausschnitte wirken wie Spielanordnungen, die Spannung erzeugen und Lebendigkeit freisetzen. Zwischen Gegenständlichkeit und abstrakter Konstruktion öffnen sich perzeptive Zwischenräume, die der Betrachter immer wieder neu erschließen muss. Das japanische Konzept des „Ma“, die Leere zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, beschreibt diese Werke treffend.

BildkontaktAnziehungskraft Angie, 2026
BildkontaktAnziehungskraft Angie, 2026 Thomas Schiretz

Immer geht es um Gleichgewicht, um Farbbalance, um die fragile Harmonie der Dinge. Edgar Leissing verschränkt das Entzauberte mit dem Verzauberten und zeigt, dass Kunst aus dem Übersehenen entstehen kann – und dass das Weggeworfene manchmal die größte Freiheit birgt. Die Ausstellung in der Galerie 9und20 in der Bregenzer Kirchstraße 29 dauert noch bis zum 14. November 2026. Die Öffnungszeiten sind am Donnerstag und Freitag zwischen 16 und 19 Uhr sowie am Samstag zwischen 11 und 15 Uhr.

Thomas Schiretz

www.galerie9und20.at