Bach in allen Farben

Zum 100. Geburtstag Karl Richters legt Jürgen Natter eine Doppel-CD mit Orgelwerken Bachs vor.
Bregenz „Ich war vorher ein ziemlich fauler Klavierschüler“, sagt Jürgen Natter. Dann sah er als Zehnjähriger den Edgar-Wallace-Film „Die blaue Hand“ aus dem Jahr 1967, in dem Klaus Kinski in einer Doppelrolle zu sehen ist. Gleich zu Beginn spielt eine Figur Bachs d-Moll-Toccata, ausgerechnet auf einer Hammond-Orgel. „Das ist mir eingefahren“ – und aus dem faulen Klavierschüler wurde ein Orgelbegeisterter. Davon berichtete Natter am Donnerstagabend im Kuppelsaal der Vorarlberger Landesbibliothek, der einstigen Kirche des Gallusstifts, wo er seine Doppel-CD zu Ehren Karl Richters vorstellte. Und Bach erklang auch live: Natter brachte die hauseigene Behmann-Orgel von 1921 nach langer Pause wieder zum Klingen.

Der Dirigent und Organist Karl Richter (1926–1981) prägte mit seinem Münchener Bach-Chor über Jahrzehnte das Bach-Bild einer ganzen Generation. Für Natter war er früh ein Vorbild. In den 1980er-Jahren lernte er durch die Hörspielreihe „Wir entdecken Komponisten“, die Kindern das Leben großer Musiker erzählt, Richters Bach-Interpretationen kennen. Am 3. Oktober 1993 sah er im Fernsehen die Aufzeichnung der h-Moll-Messe, die Richter 1970 eingespielt hatte. Schon der erste Kyrie-Akkord habe ihm damals eine neue Welt eröffnet, erinnert sich Natter.

Die CD verbeugt sich vor dem großen Vorbild und bleibt doch eigenständig: Natter verbindet Richters zupackende Energie mit der Transparenz heutiger Bach-Interpretation. Die 32 Titel führen rund zweieinhalb Stunden lang durch zentrale Orgelwerke. Sie reichen von der Toccata und Fuge d-Moll BWV 565, dem wohl bekanntesten Orgelstück überhaupt und jenem aus der „Blauen Hand“, über Passacaglia und Fuge c-Moll BWV 582 mit ihrem unablässig wiederkehrenden Bassthema bis zur Choralpartita „Sei gegrüßet, Jesu gütig“ BWV 768, einer weit ausgreifenden Variationenfolge. Choralbearbeitungen gliedern das sorgfältig gebaute Programm und verbinden die großen Werke miteinander.
Eine Bereicherung
Aufgenommen wurde 2011 an der Graß-Späth-Orgel der Klosterkirche Neu St. Johann im Toggenburg und 2025 an zwei Orgeln der Werkstatt Steinmeyer in Augsburg und Lindau. Jedes der drei Instrumente hat seinen eigenen Charakter, und Natter nutzt die Unterschiede, um die Werke plastisch und farbig zu gestalten. Selbst wenn die Orgeln ihre ganze Pracht entfalten, bleiben die Stimmen klar durchhörbar. Die technische Brillanz ist dabei nie Selbstzweck, sie steht im Dienst des Ausdrucks. In einer Kritik nennt das Musikmedienhaus die Aufnahme „selbst für diejenigen, die den gesamten Bach schon mehrfach im Schrank stehen haben, eine Bereicherung“. Erst recht gilt das für Hörer, die Bachs Orgelmusik noch entdecken: Ihnen bietet die Doppel-CD einen fundierten Überblick über das Repertoire.

Natter macht die großen Formen verständlich, ohne sie zu vereinfachen, und lenkt das Ohr auf Klangfarben und fein gearbeitete Übergänge. Als Bonustrack enthält die CD ein Gespräch mit der Schriftstellerin Ulrike Längle, der früheren Leiterin des Franz-Michael-Felder-Archivs, über die Frage, wie sich alte Musik heute deuten lässt. Die Einspielung selbst gibt darauf eine überzeugende Antwort.
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Längle moderierte auch den Abend in der Landesbibliothek und las aus ihrer Novelle „Bachs Biss“. Natter ergänzte die CD-Ausschnitte um Live-Musik: Auf der Behmann-Orgel spielte er solo und im Duo mit der Cellistin Isabella Fink. Dass das Instrument eine Restaurierung braucht, sprach er offen an. Umso eindrücklicher war es, die alte Orgel im Kuppelsaal wieder als Konzertinstrument zu erleben.