Krapps Bude im Schaufenster

Unpop und WGN zeigen Becketts „Das letzte Band“ im EG in der Bregenzer Maurachgasse.
bregenz Diesmal trennt keine Rampe die Bühne vom Publikum, sondern eine Glasscheibe. In Koproduktion mit dem Verein für Kunst und Kultur WGN zeigt Unpop Samuel Becketts „Das letzte Band“ und verwandelt dafür das EG in der Bregenzer Maurachgasse 1, einen von WGN kuratierten Raum, in die Bude von Krapp. Die Zuschauer sitzen nicht drinnen, sondern draußen auf der Gasse, gewärmt von Heizstrahlern, in warme Decken gehüllt und vor Regen geschützt, und verfolgen das Geschehen durch das Schaufenster. Über Kopfhörer hören sie mit, was Krapp auf seinen Bändern abspielt, aufnimmt und kommentiert.
Die Anordnung passt zu dem Stück. Ein alter Mann, ein Tonbandgerät, eine Schachtel voller Spulen und ein paar Bananen: Mehr braucht Beckett nicht für einen der eindringlichsten Einakter des 20. Jahrhunderts. Krapp feiert seinen 69. Geburtstag, allein. Wie jedes Jahr will er eine neue Aufnahme machen, zuvor holt er ein Band hervor, das er mit 39 besprochen hat. Der Mann, der da spricht, ist ihm fremd geworden: selbstgewiss, ein wenig eitel, voller Pläne. Und schon dieser Krapp lacht über einen noch jüngeren. Das Ich zerfällt in eine Reihe von Fremden.
Immer wieder spult Krapp zu einer Stelle zurück: einem Nachmittag mit einer Frau in einem Boot auf dem See, einem Augenblick des Glücks, dem der Jüngere um seines Werkes willen den Rücken kehrte. Das Werk, erfährt man beiläufig, hat sich siebzehnmal verkauft. Am Ende spricht der Alte kaum noch auf das neue Band, und das Band läuft stumm weiter.
Beckett schrieb das Stück 1958 für den irischen Schauspieler Patrick Magee, dessen brüchige Stimme ihn im Radio fasziniert hatte. Das Tonbandgerät war damals ein Novum, und Beckett machte daraus eine Metapher für das Gedächtnis: Es konserviert die Stimme, nicht aber den Menschen, der sie hatte. Dass das Publikum in Bregenz diese Stimmen direkt im Ohr hat, während es Krapp durch die Scheibe beobachtet wie ein Exponat, dürfte diesen Abstand schärfen.
Felix Römer
1969 inszenierte Beckett das Stück selbst in der Werkstatt des Berliner Schiller-Theaters mit Martin Held. Seither haben sich große Schauspieler an der Rolle gemessen, von Harold Pinter bis Robert Wilson. In Bregenz übernimmt Felix Römer den Krapp. Der Schauspieler, unter anderem zwanzig Jahre lang Ensemblemitglied der Berliner Schaubühne, arbeitet bereits zum dritten Mal mit unpop zusammen, nach Thomas Köcks „Und alle Tiere rufen …“ und Ferdinand Schmalz’ „Schlammland Gewalt“. Regie führt Stephan Kasimir, Bühne und Kostüme stammen von Caro Stark.
Was die Figur so unerschöpflich macht, ist ihre Komik. Krapp rutscht beinahe auf einer Bananenschale aus, kostet das Wort „Spule“ genüsslich aus und schlägt im Wörterbuch nach, was er vor dreißig Jahren gemeint haben könnte. Gerade in diesem Lachen liegt die Trauer des Stücks: Man sieht einem Menschen zu, der seine eigene Vergangenheit nicht mehr versteht und doch nicht aufhören kann, ihr zuzuhören.
Premiere ist am Donnerstag, 29. Oktober, um 20 Uhr, gespielt wird bis 15. November. Der Eintritt ist frei. Weil Sitzplätze und Kopfhörer begrenzt sind, wird um Reservierung unter unpop.at/karten gebeten.