Klangsucher und Spätheimkehrer

Kultur / 26.10.2026 • 14:03 Uhr
Klangsucher und Spätheimkehrer
Der niederländische Geiger Niek Baar gab Dmitri Kabalewskis Violinkonzert C-Dur op. 48 zum Besten. mathis fotografie

Das SOV spannt einen Bogen von Schrekers Intermezzo bis zu Zemlinskys später Sinfonietta.

Bregenz Manche Programme erschließen sich erst im Rückblick. Das zweite Konzert des Symphonieorchesters Vorarlberg (SOV) führte vom Werk eines 22-Jährigen zur Sinfonietta eines Komponisten, den die Nationalsozialisten aus Berlin vertrieben hatten. Dazwischen liegen 34 Jahre: Schreker starb 1934, im selben Jahr schrieb Zemlinsky seine Sinfonietta.

Klangsucher und Spätheimkehrer
Der 1970 in Wien geborene Sascha Goetzel ist Dirigent, Violinist und Arrangeur. mathis fotografie

Schrekers Intermezzo für Streicher op. 8 entstand 1900, im Jahr seines Studienabschlusses bei Robert Fuchs. Wenig später brachte es ihm einen Preis der „Neuen musikalischen Presse“ ein. Später übernahm er das Stück in seine „Romantische Suite“ op. 14. Sascha Goetzel, einst selbst Geiger, behandelte das sechsminütige Werk als Visitenkarte eines Klangsuchers. Die Streicher spielten dunkel, doch nie schwer, ließen die Mittelstimmen atmen und hielten die Bögen unter Spannung. Goetzel nahm sich Zeit für die Übergänge, ohne ins Schleppen zu geraten. Aus dem Erbe von Brahms schälte sich jene schwebende, leicht parfümierte Klanglichkeit heraus, die Schreker zum gefeierten Opernkomponisten machen sollte.

Niek Baar

Danach durfte es leichter werden. Dmitri Kabalewskis Violinkonzert C-Dur op. 48 aus dem Jahr 1948 ist für junge Solisten geschrieben, aber keineswegs Übungsmusik. Der Niederländer Niek Baar spielte es mit federnder Rhythmik und warmem Ton. Das Allegro bekam tänzerischen Biss. Im langsamen Satz sang die Kantilene ohne Druck, das Finale nahm virtuos Fahrt auf. Goetzel hielt das Orchester farbig und wach, ohne den Solisten zuzudecken. Als Zugabe wählte Baar Mozarts Rondo in C-Dur. Keine gewöhnliche Zugabe – nicht nur wegen der Länge: Anders als sonst üblich spielte das ganze Orchester mit.

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Haydns Symphonie Nr. 39 in g-Moll, ein frühes Sturm-und-Drang-Stück mit vier Hörnern, nahm Goetzel straff und mit scharf gesetzten Akzenten. Die abrupten Pausen des Kopfsatzes wirkten wie angehaltener Atem, das Finale hatte Angriffslust. Das SOV zeigte, wie selbstverständlich es in diesem Repertoire zu Hause ist.

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Den Höhepunkt setzte Zemlinskys Sinfonietta op. 23 in der Kammerorchesterfassung von Roland Freisitzer. Der Diminutiv des Titels täuscht: Das Werk ist ernst und von herber Schönheit. Zemlinsky schrieb es auf Anregung seines Verlags, der ein kurzes Orchesterwerk ohne Solisten wünschte, das sich leichter vermarkten ließ. 1935 wurde es in Prag uraufgeführt. 1940 dirigierte Dimitri Mitropoulos die Sinfonietta in New York; zwei Jahre später starb Zemlinsky im amerikanischen Exil.

Holzbläserlinie

Freisitzer reduziert das große Orchester auf kleines Bläserensemble, Klavier und Streicher und gewinnt dabei mehr, als er verliert. Kontrapunktische Verzahnungen, schneidende Holzbläserlinien und die kühle Motorik des Kopfsatzes liegen offen wie unter der Lupe. Man denkt an Schönbergs Verein für musikalische Privataufführungen, der Orchesterwerke ähnlich durchleuchtete. Während des gesamten Abends war Matthias Honeck von den Wiener Symphonikern als Gast Konzertmeister, in Zemlinskys Sinfonietta ließ er seine große Klasse in markanten Momenten aufblitzen.

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Goetzel dirigierte mit klarer Zeichengebung und Ruhe. Der erste Satz hatte Zug und Kanten. Die Ballade wurde zum Zentrum des Abends: fahl, geheimnisvoll, mit einem Zitat aus dem sechsten Maeterlinck-Gesang op. 13, das wie die Erinnerung an eine versunkene Welt durch die Musik geistert. Das Klavier gab dem Satzbild Kontur und Glanz. Im Rondo zeigten die Musiker Witz und Präzision.

Dass Schreker und Zemlinsky, beide von den Nationalsozialisten verfemt, heute wieder auf Konzertprogrammen stehen, ist keine Selbstverständlichkeit. Sie in Vorarlberg zu hören, war ein Glücksfall.