Kleine Gegenstände, große Geschichten: Wie Anna Jermolaewa in Vaduz Hoffnung sichtbar macht

Das Kunstmuseum Liechtenstein widmet der 1970 in St. Petersburg geborenen und in Wien lebenden Künstlerin eine große Einzelausstellung.
Vaduz Mit empathischem Blick und feinem Humor legt Anna Jermolaewa verborgene Mechanismen des Alltäglichen frei – und ist mit ihrer Kunst ganz nah am Leben. Das Kunstmuseum Liechtenstein widmet der 1970 in St. Petersburg geborenen und in Wien lebenden Künstlerin eine große Einzelausstellung.

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Die Ausstellung “Radical Hope” vereint ausgewählte frühere Werke mit zahlreichen neuen und eigens für die Ausstellung in Vaduz entstandenen Arbeiten. Dafür reiste Jermolaewa, die 2023 mit einer Einzelausstellung im Kunsthaus in Bregenz vertreten war, auf den Spuren Walter Benjamins und seiner Fluchthelferin Lisa Fittko in die Pyrenäen; nach Paris, um ihrer eigenen Fluchthelferin Aleksandra Wysokińska wiederzubegegnen; und auf die Kanalinsel Jersey, wo sie in Gerald Durrells Refugium für vom Aussterben bedrohte Tierarten filmte. Jermolaewas künstlerische Praxis ist eng mit ihrer Biografie verbunden. Drei wesentliche Aspekte prägen die Ausstellung: die Leidenschaft für das Sammeln, Exil und Migration, aber auch ihre besondere Verbundenheit mit Tieren.


Jermolaewa, die 1989 aus der damaligen Sowjetunion fliehen musste, richtet den Blick auf persönliche Erfahrungen sowie historische Spuren und begegnet den politischen und gesellschaftlichen Realitäten unserer Zeit mit radikaler Hoffnung.
Eine zentrale Werkgruppe ist die neue Arbeit Museum of Radical Hope (2026): eine von Anna Jermolaewa über mehrere Jahre zusammengetragene Sammlung kleiner Alltagsobjekte, die von Inhaftierten in sowjetischen Gefängnissen gefertigt wurden. Dazu zählen Handspiegel und Kämme ebenso wie Türgriffe oder Feuerzeughüllen. Die aus Acryl, Brot oder Ebonit gefertigten Objekte zeugen von großer handwerklicher Sorgfalt.

In der Aquarellserie “Last Seen Since 1970” (2025–fortlaufend) katalogisiert Anna Jermolaewa Tiere, die seit 1970 – dem Geburtsjahr der Künstlerin – nicht mehr gesichtet wurden und als ausgestorben gelten. Für die Ausstellung erweiterte sie die Serie mit neuen großformatigen Zeichnungen nach Skizzen von 2025. Der neu geschaffene Videoteil wurde im Jersey Zoo, dem Sitz des von Gerald Durrell gegründeten Durrell Wildlife Conservation Trust, gedreht und zeigt Mitarbeitende bei der Versorgung und Aufzucht bedrohter Tierarten. Bereits als Kind war die Künstlerin fasziniert von Durrells Büchern und seinem Engagement für den Artenschutz.

Die Arbeit “F” Route nimmt Bezug auf einen historischen Fluchtweg über die Pyrenäen, auf dem im 20. Jahrhundert zahlreiche Verfolgte flohen. Jermolaewa besuchte den Weg zweimal, 2021 und 2026. Die große Panoramafotografie Summit (Dedicated to Lisa Fittko) (2026) erinnert an die Fluchthelferin Lisa Fittko, die Menschen auf diesem Weg von Frankreich nach Spanien führte. In Aleksandra Wysokińska: 20 Years Later / 35 Years Later (2009/2026) verbindet Jermolaewa die historische Dimension von Flucht mit ihrer eigenen Biografie: Die Arbeit dokumentiert ihre wiederholten Begegnungen mit Aleksandra Wysokińska, die ihr 1989 bei der Flucht aus der Sowjetunion nach Österreich half.

Manche Arbeiten der Künstlerin entstehen über längere Zeiträume hinweg oder werden über Jahre weiterentwickelt. “Was mich an Anna Jermolaewas Werk besonders berührt, ist, dass sie die Zeit selbst zur Akteurin werden lässt”, sagt Christiane Meyer-Stoll, Direktorin des Kunstmuseums Liechtenstein und Kuratorin der Ausstellung. “Sie kehrt zu Orten, Menschen und Themen zurück und lässt zu, dass sich ihre eigene Geschichte mit gesellschaftlichen und historischen Veränderungen immer wieder wandelt. So wird Vergangenheit zu etwas Lebendigem, das sich mit jeder neuen Begegnung verändert. In dieser kontinuierlichen, menschenzugewandten Wahrnehmung liegt für mich die besondere Kraft ihres Werks.”
Anna Jermolaewa, Racidal Hope, 30. Oktober 2026 bis 29 März 2027 im Kunstmuseum Liechtenstein