Meister der Reduktion

Kultur / 06.11.2026 • 11:07 Uhr
Meister der Reduktion

VN-Kommentar von Walter Fink.

Es war Ende der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als der damalige Landesrat für Kultur, Guntram Lins, eine Idee seines Kulturbeamten Kunrich Gehrer aufgriff und ein Atelier für bildende Künstler auf der griechischen Insel Chios in Betracht zog. Eine Gruppe Vorarlberger Kulturmenschen unternahm mit Lins eine Reise auf die griechische Insel, um dort einen geeigneten Raum zu finden. Schon nach kurzer Zeit wurde man fündig, bei Frau Kyriakí (zu Deutsch: Sonntag) in der Hauptstand der Insel, Pyrgí, mietete das Land Räumlichkeiten zum Wohnen und Arbeiten an. Über viele Jahre – weit über die Zeit von Guntram Lins als Kulturreferent hinaus – wurde Künstlerinnen und Künstlern ein jeweils zweimonatiges Arbeitsstipendium auf Chios ermöglicht. Erster Vorarlberger Künstler in Pyrgí war Franz Gassner im Jahr 1992 – mehr als drei Jahrzehnte später, am vergangenen Mittwoch, ist Franz Gassner verstorben.

Das neue Atelier war dem damaligen Landesstudio Vorarlberg eine Filmdokumentation wert, die die Möglichkeiten des Stipendiums zeigen sollte. Ich hatte die Freude, für diese Aufgabe ausgewählt zu werden und flog mit Kameramann Gabriel Rüf nach Chios, um die Arbeit des Künstlers in der besonderen Umgebung zu dokumentieren. Für uns war die Auswahl von Franz Gassner als erster Stipendiat ein Glücksfall, denn er setzte sich mit der Landschaft, mit der griechischen Sprache und der orthodoxen Religion auseinander. Zudem regten ihn die für Pyrgi typischen Sgraffiti, griechisch Xysta genannt, auf nahezu allen Häusern zu künstlerischer Auseinandersetzung an. Es war besonders, Franz Gassner bei der Arbeit zu beobachten, zu sehen, wie die Eigenheiten der Insel in seine Bilder fanden, ohne auch nur in irgendeiner Form dekorativ zu werden. Er hielt die strengen Linien, er blieb bei seinen einfachen, geometrischen Körpern, bei seinen einfachen Blautönen.

Ähnlich intensiv setzte er sich mit seinem zweiten geographischen Schwerpunkt, mit Armenien, auseinander. Die Bildzyklen „Wegzeichen Armenien“ und „Topos Pirgí“ brachten „einen entscheidenden Schritt innerhalb des Prozesses der Reduktion und Konzentration“ (Lexikon „Bildende Kunst in Vorarlberg  1945 – 2005“).

Reduktion blieb das Thema von Franz Gassner über alle Jahre, ausgehend von geometrischen Formen, vor allem dem Quadrat, bis zu den „melodischen Zeichnungen“, den „Zeichenfeldern“ und „Klangfeldern“, bis nur noch Zeichen blieben, geschwungene, lineare. Die Arbeiten wurden damit immer klarer, jeder Zierrat war abhold. Irgendwie, so hatte ich den Eindruck, wurden die Arbeiten immer mehr wie Franz Gassner selbst. Nur scheinbar einfach, aber doch klar in seinen Haltungen, im Leben wie in der Kunst. Auf Chios eröffnete sich ihm, dass das griechische Wort für Danke – efcharistó – unserem Wort der Eucharistie nahe kam. Dieses Einfache stand wohl auch Pate für seine künstlerische Gestaltung der Seitenkapelle in St. Martin in Dornbirn, wo er das Zitat der Lilien auf dem Felde aus der Bergpredigt verarbeitete. Irgendwie ein Zeichen für sein Leben.