Osterreise des Kaisers

Leserbriefe / 11.04.2021 • 17:19 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

Zum VN-Bericht von Moritz Moser vom 6. 4. 2021:

Die Chance, sich für eine Republik oder reformierte Monarchie zu entscheiden, bekam weder das österreichisch noch das ungarische Volk. Die entstandenen chaotischen Zustände, zuerst ein kommunistisches Schreckensregime, dann „weißer“ Gegenterror, öffneten nicht nur den zahlreichen königstreuen Ungarn die Augen. Nicht umsonst war die Angst der neuen Herrscher vor der Habsburger-Rückkehr rundherum grenzenlos. Kaiser Karl war nicht so dumm, die Rechnung ohne die Alliierten zu machen, sondern fand im französischen Ministerpräsidenten Aristide Briand einen Bündnispartner, der ihn geradezu drängte, in Ungarn aktiv zu werden. Mit spanischem Diplomatenpass, ausgestellt in Paris, erreichte Karl Ungarn per Zug. Ministerpräsident Teleki machte mit, Reichsverweser Horthy wurde zum Verräter. Bei Erfolg hätte Frankreich seine Rückkehr sofort anerkannt und die Nachbarstaaten im Zaum gehalten. Bei Misslingen – so eine gängige diplomatische Taktik – distanzierte man sich von diesem Geheimplan, der in London aktenkundig ist. Briand sah in einer neuen Donaumonarchie den verlässlicheren Friedensgaranten als in einem geopolitischen Machtvakuum von wirtschaftlich und politisch zerrissenen, untereinander heillos zerstrittenen Nationalstaaten mit unterdrückten völkischen Minderheiten. So bewahrheitete sich nach einem zweiten missglückten Restaurationsversuch Churchills Wort, wonach diesen Völkern Qualen auferlegt wurden, wie sie die Dichter des Mittelalters den Verdammten vorbehielten. Erst kam Hitler, dann Stalin, mit bekannten Folgen.

Gerald Grahammer, Lustenau