Politische Systeme

Leserbriefe / 04.04.2022 • 21:13 Uhr

Wenn es um potenzielle Umgehung von Steuerzahlungen geht, ist bei vielen die Toleranzgrenze schnell erreicht. Wesentlich elastischer ist diese Grenze mit Blick auf Tiere. Doch auch in diesem Zusammenhang ist das politische System mit spezifischen wirtschaftlichen Interessen verquickt, um nicht zu sagen verfilzt. Zwar wird von weniger Kälbertransporten aus Vorarlberg berichtet; die sind aber nicht Ergebnis politischer Bemühungen, sondern a) Folge eines coronabedingten Markteinbruchs und b) der Geschäftsaufgabe eines Großhändlers. Ein weiteres riesiges Feld, in dem komplett nach eigenen Regeln gespielt wird, ist die Verzahnung der Forstwirtschaft mit der Politik. Die Jägerschaft scheint es großenteils aufgegeben zu haben, sich für Wildtierschutz einzusetzen. Der Wildtierbestand wird nämlich de facto durch das Forstgesetz geregelt und (jagdbare) Wildtiere werden parallel zum schwindenden Lebensraum gnadenlos nach unten reguliert. Das alles wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit hinter verschlossenen Türen geregelt. Verstohlen werden Jagdgebietsgrenzen verlegt und gigantische Freihaltungen geplant (hier wird ganzjährig und unabhängig von Geschlecht, Alter oder Trächtigkeitsstatus erschossen). Eine Hand wäscht die andere. Diejenigen, die nicht brav mitmachen, werden über Reizwörter wie „Schutzwald“ und „Arbeitsplätze“ gefügig gemacht. Allerdings ist die intensive Land- und Forstwirtschaft ein wesentlicher Mitverursacher des rasanten Artensterbens. Was die Welt und auch Vorarlberg dringend braucht, ist kein Wald-, sondern ein Wildtierfonds.

Ulrike Schmid, MA,

Götzis