Latein, KI – und die Angst vor dem Denken

Leserbriefe / 10.02.2026 • 19:52 Uhr

Die Debatte über Latein oder KI offenbart vor allem ein gesellschaftliches Mentalitätsproblem. Kaum werden Reformen diskutiert, folgen Warnungen vor Überforderung, Ressourcenmangel und Qualitätsverlust – ein reflexhaftes Muster, das notwendige Veränderungen bremst. Dabei wäre es klüger, Latein und KI gezielt zu verknüpfen: Präzise Sprach- und Textanalyse trifft auf algorithmisches Denken und reflektierte Medienkompetenz. Karl Popper warnte vor Schulen, die Anpassung belohnen und Kritik scheuen. Bildung dient der offenen Gesellschaft dort, wo Irrtum erlaubt ist und Autoritäten widersprochen wird – bei antiken Texten ebenso wie bei digitalen Systemen. Wilhelm von Humboldt verstand Bildung als Selbstbildung statt Besitzstandswahrung. Schule ist keine Komfortzone, sondern ein Ort geistiger Zumutung und produktiver Irritation. Der Wert von Latein liegt im Training von Analyse, Hypothesenbildung und Fehlersuche – Kompetenzen, die auch im Umgang mit KI entscheidend sind. Gleichzeitig sollten überlappende Inhalte aus Geschichte, politischer Bildung, Geografie und Wirtschaftskunde stärker gebündelt sowie Ethik, Religion und Philosophie enger verzahnt werden. Bildungsforschung zeigt: Entscheidend sind Unterrichtsqualität und kritisches Denken. KI-Kompetenz muss mehr lehren als Anwendung – nämlich Zweifel, Kritik und Fehlererkennung. Nachhaltige Reformen gelingen nur, wenn Schule Widerspruch aushält und Lernende aktiv Verantwortung übernehmen und Lehrende mutig neue Wege ausprobieren, gemeinsam.

Otto Bechter, Dornbirn