Leserbrief: Das ewig gestrige Bild des Lehrberufs

Die geplanten Stundenkürzungen bei Latein und lebenden Fremdsprachen haben eine Debatte entfacht. Sichtbar wird dabei ein Problem, das für das Bildungssystem aber weit gefährlicher ist: das beschädigte Image des Lehrberufs. In den vergangenen zwei Jahrzehnten sind Lehrer:innen zunehmend in gesellschaftlichen Misskredit geraten. In der polemischen Zuspitzung des Wiener Altbürgermeisters Michael Häupl fand dieses Lehrer:innen-Bashing besonderen Ausdruck (“Wenn ich 22 Stunden in der Woche arbeite, bin ich Dienstagmittag fertig.”). Inzwischen wird erneut von politischer Seite kräftig am Image des Berufs gesägt – in einer Zeit des akuten Lehrer:innenmangels. Die Neos lassen dabei kaum eine Gelegenheit aus. An die Stelle eines Dialogs mit Gewerkschaft, Direktor:innen und Lehrer:innen – also mit jenen, die Reformen letztlich umsetzen müssen – tritt öffentliche Kritik. Wer Bedenken äußert oder auf Probleme hinweist, wird pauschal als reformunwilliger “Blockierer” abgestempelt. So wurden etwa die Mitglieder der sechsköpfigen Lehrplangruppe für Latein, die nach drei Jahren intensiver Arbeit einen neuen Lehrplan ausgearbeitet hatten, nach deren Rücktritt vom Generalsekretär des Ministeriums als “Arbeitsverweigerer” bezeichnet – ausgerechnet kurz vor Veröffentlichung der neuen Lehrpläne. Wer aber das Bildungssystem stärken will, sollte nicht zuerst über Stundenkürzungen sprechen, sondern über den Respekt gegenüber jenen, die dieses System täglich tragen: den Lehrerinnen und Lehrern.
Mag. Tonio Juriatti, Lehrer für Latein und Geschichte, AHS Köflach, Graz