Warum der Begriff Femizid notwendig ist

Leserbriefe / 18.03.2026 • 20:26 Uhr

Zum Kommentar von Primar Reinhard Haller „Femizid – ein problematischer Begriff“, VN vom 12. März:

Es erstaunt nicht wenig, dass Primar Haller ausgerechnet rund um den Weltfrauentag einen Begriff infrage stellt, der international dazu dient, ein spezifisches Muster von Gewalt sichtbar zu machen. Niemand bestreitet, dass Tötungsdelikte komplexe Ursachen haben und kriminalpsychologisch differenziert betrachtet werden müssen. Der Begriff Femizid beschreibt jedoch etwas anderes: die Tötung von Frauen im Kontext geschlechtsspezifischer Gewalt und struktureller Ungleichheit. Internationale Studien zeigen seit Jahren, dass Frauen weltweit besonders häufig im nahen sozialen Umfeld getötet werden – durch Partner oder Familienangehörige (UNODC/UN Women 2023). Dass hierfür heute ein eigener Begriff verwendet wird, hat auch mit der Geschichte der Berichterstattung zu tun. Lange wurden solche Taten als „Familiendrama“ oder „Beziehungstat“ verharmlost und damit individualisiert. Der Begriff Femizid macht sichtbar, dass es sich nicht nur um Einzelfälle, sondern um ein strukturelles Muster geschlechtsspezifischer Gewalt handelt. Wenn jedoch Femizide im sozialen Nahraum gegen Tötungen von Frauen in bewaffneten Konflikten gestellt werden, relativiert das beide Phänomene. Gerade deshalb braucht es Begriffe, die unterschiedliche Gewaltkontexte sichtbar machen. Im Frauenmuseum Hittisau beschäftigen wir uns derzeit in der Ausstellung „FRIEDEN TUN. Über Gerechtigkeit, Demokratie, Geschlecht“ mit diesen Fragen. Wer Gewalt verstehen und verhindern will, muss sie benennen können.

Stefania Pitscheider Soraperra, Direktorin Frauenmuseum Hittisau