Leserbrief: Inszenierte Weltoffenheit

Zum VN-Kommentar von Harald Walser “Bieder statt weltoffen?”:
Harald Walser beherrscht die Dramaturgie. Virtuos spannt er den Bogen von Guntram Lins über Spielboden, Saumarkt, Peter Zumthor, Edelbert Köb bis zu Martin Purtscher, um schließlich in einer Laudatio für Hanno Loewy zu gipfeln, in dessen Sog dann Frau Gräwe in die oberste Liga der Vorarlberger Kulturszene gehoben wird. Doch die Inszenierung hat eine deutliche Schlagseite. Was als “intensiver kultureller, politischer und religiöser Dialog” gepriesen wird, erweist sich bei näherem Hinsehen vor allem als Selbstvergewisserung im eigenen Milieu: Wahlaufrufe für die Grünen und die Mitorganisation von Sonntagsdemonstrationen sind kein Dialog, sondern Echokammer. Noch problematischer ist der Umgang mit dem öffentlichen Raum. Die neuen, überdimensionalen “Beton-Fluchterinnerungen” besetzen mit pädagogischem Sendungsbewusstsein vormalige Kontemplationsorte. Dass unsere Geschichte dunkle Kapitel kennt, ist unbestritten – doch sie im Abstand von wenigen hundert Metern in Beton zu gießen, wirkt weniger wie Erinnerungskultur als wie demonstrative Moralisierung. Für derartige Botschaften gibt es geeignetere Räume – allen voran das Theater. Den bislang unpolitischen Erholungsraum am Alten Rhein zur Bühne ideologischer Setzungen zu machen, nimmt ihm genau das, was ihn auszeichnet: Ruhe, Offenheit und die Freiheit, sich der eigenen Gedankenwelt ohne Dauerbelehrung widmen zu können. Weltoffenheit zeigt sich im Dialog – nicht in dessen Inszenierung.
Dipl. -Ing. Thomas Kopf, Hohenems