Leserbrief: Abgang der Kultur – Nihilistisches Seelenloch

Das Wort “Kultur” meinte ursprünglich das landwirtschaftliche Pflegen, das Beackern, das Pflanzen und Ernten, den sorgfältigen Umgang mit der Natur, mit der Erde, mit dem Wasser, mit dem Leben. Die Menschheit erweiterte in jahrhundertlangen humanistischen Reflexionen diesen Kulturbegriff der Pflege und Achtsamkeit auch auf unser Zusammenleben in Familien, Freundschaften, Nachbarschaften, im Beruf, in Freizeit, in der Kunst, im Theater, in der Literatur, in den Staatswesen. Offensichtlich erleidet dieser Kulturbegriff derzeit einen massiven Untergang in ein nihilistisches Seelenloch: Toxische alte Despoten, die da am ganzen Planeten mit ihren Raketen herumballern und dabei Zerstörung, Blutbäder und tiefste Verzweiflung bei völlig unschuldigen Menschen säen. Sowohl Männer, die Medienhäuser, Festivals und Kulturhäuser leitend unter Bezug von Riesengagen “führen”, als auch vermeintliche Künstler, die ihre Musik, ihr Schauspiel janusköpfig mit sexualisierter und rhetorischer Gewalt hinter den Bühnen und in ihren Privatlandschaften ausüben, lassen uns mit großer Desillusionierung zurück. Leider symbolisiert der seinerzeit umjubelte Abgang der Künstler von der Bühne nunmehr oftmals den Abgang der Kultur.
Fritz Baumgartner, St. Georgen/Gusen