Leserbrief: Ist es wirklich ein Skandal?

Die heftige Kritik an der Nichtverlängerung der Intendanz am Vlbg. Landestheater überrascht mich. Unabhängig von der Qualität der Arbeit ist es kein Skandal, dass der Vertrag nach zehn Jahren nicht verlängert wird. Theater sind keine privaten Kunstprojekte, sondern öffentlich finanzierte Institutionen mit einem Auftrag: gesellschaftliche Relevanz, künstlerische Erneuerung, Offenheit für neue Stimmen. Beides verträgt sich schlecht mit unbegrenzter Kontinuität an der Spitze. Nach zehn Jahren ist ein künstlerisches Konzept ausgereift und meist auch ausgeschöpft. Was dann folgt, ist selten Aufbruch, sondern Verwaltung des Erreichten. Lange Intendanzen akkumulieren zudem informelle Macht und personelle Abhängigkeiten, die eine Institution fragil machen, nicht stark. Ein Wechsel nach einer Dekade ist kein Misstrauensvotum, sondern Ausdruck institutioneller Governance. Laut Deutschem Bühnenverein beträgt die durchschnittliche Verweildauer einer Intendanz an deutschsprachigen Bühnen 7,5 Jahre — zehn Jahre sind also bereits überdurchschnittlich lang. Die Kritik daran verwechselt Loyalität gegenüber einer Person mit Loyalität gegenüber dem Theater. Beides ist nicht dasselbe.
Hanno Schuster, Höchst