Leserbrief: Der Fall Gräve ist lehrreich …

Leserbriefe / 23.06.2026 • 15:40 Uhr
Leserbrief: Der Fall Gräve ist lehrreich …

… aber nicht so, wie er meist dargestellt wird. Eine Intendantin wird nach zehn Jahren nicht mehr verlängert. Kein Rauswurf, keine Kündigung. Ein Vertrag läuft aus. Was folgte, ist keine Debatte über künstlerische Nachfolge. Dabei wäre genau das die Frage, die alle beschäftigen müsste, denen das Theater wirklich ein Anliegen ist. Ab Herbst steht dem Haus eine Generalsanierung von 9,6 Millionen Euro bevor, eigentlich Anlass genug, über künstlerische Richtung und Programmatik nachzudenken. Stattdessen dominieren Verfahrensfragen und Vernehmungsumstände, von Frau Gräve selbst in die Öffentlichkeit getragen und von einem medienwirksamen Unterstützerkreis bis in die Bundespresse verlängert. Es folgte eine Strafanzeige gegen ihre Vorgesetzte, die Geschäftsführerin der landeseigenen Kulturverwaltung, eine Freistellung, polizeiliche Ermittlungen und nach deren Einstellung die Ankündigung, die Begründung juristisch prüfen zu lassen, mit der Option auf weitere Instanzen. Dass dabei auch die Polizeibeamten keine Gnade finden – zu jung, zu laut – vervollständigt das Bild: Wer sich dem Narrativ nicht fügt, wird Teil davon. Man kann das als konsequente Rechtswahrnehmung lesen. Naheliegender ist eine andere Lesart: Ein regulärer Abgang wird in einen Skandal transformiert, um die eigene Position zu legitimieren, die ohne diese Eskalation keine öffentliche Bühne gehabt hätte.

KommR Hanno Schuster, Höchst