Die eigentliche Rechnung kommt noch

Leserbriefe / 06.07.2026 • 15:10 Uhr
Die eigentliche Rechnung kommt noch

Zum VN-Bericht “KI und Zinsen” von Stefan Bruckbauer, VN vom 4. Juli:

Künstliche Intelligenz wird meist als Börsen- und Zinsthema verhandelt – so auch von Stefan Bruckbauer, der ihre Zinseffekte sauber analysiert und am Ende selbst einräumt: Wie sich die Erträge gesellschaftlich verteilen, ist die entscheidende Frage. Recht hat er. Nur reicht sie weiter, als der Beitrag verrät. Eine Handvoll US-Konzerne kontrolliert Chips, Rechenzentren, Modelle und Datenströme zugleich. Wer diese Infrastruktur besitzt, besitzt bald die Grundlage, auf der Behörden, Gerichte, Schulen und Redaktionen arbeiten. Das ist keine Zinsfrage, sondern eine Machtfrage – und eine geopolitische obendrein: Europa mietet seine digitale Zukunft von einem anderen Kontinent. Wie das läuft, zeigt der österreichische Entwickler Peter Steinberger: Sein bahnbrechender Open-Source-Agent OpenClaw begeisterte Anfang 2026 die Welt – und landete prompt bei OpenAI, das ihn kurzerhand abwarb. Europa bringt die Talente hervor, Amerika kassiert sie ein. Deshalb darf sich die EU nicht aufs Regulieren beschränken. Sie muss selbst bauen: europäische Rechenkapazität, offene Modelle als Gemeingut, ein Wettbewerbsrecht, das Marktbeherrschung zerschlägt statt verwaltet. Denn Infrastruktur, von der eine Demokratie abhängt, gehört so wenig in wenige Privathände wie einst Strom und Wasser. Sonst zahlen wir die Rechnung später. Nicht in Prozentpunkten, sondern in Souveränität.

Hans Mohr, Dornbirn