Leserbrief: “Wortführer”

Leserbriefe / 06.07.2026 • 15:45 Uhr
Leserbrief: "Wortführer"

Auf der Suche nach dem Ursprung des Begriffes “Remigration” verweist mich die Künstliche Intelligenz auf das 17. Jahrhundert und serviert mir die nach 1945 typische Anwendung des Begriffs für die Rückkehr deutscher Exilanten aus den USA, konkret bezogen auf den vor Hitler geflohenen Dichter Thomas Mann. Damals lagen die “Identitären” und Kickl noch nicht in den Windeln. Dass sich Personen oder Gruppen kämpferisch-polemische Eigeninterpretationen von Begriffen zulegen, macht eine Distanzierung verständlich, doch dabei ist vorsichtiges Abwägen geboten. “Wer Macht über die Sprache hat, der prägt das Denken der Menschen”, erkennt Harald Walser treffend. Nach dem Motto “Haltet den Dieb!” kann man aber genauso gut umgekehrt manipulieren, indem man einen Begriff zum verabscheuungswürdigen Tabu erklärt und damit eine unerwünschte gedankliche Richtung zu blockieren oder zu verunglimpfen bezweckt. Objektiv betrachtet ist die Forderung nach einer Rückkehr bzw. einem Ausweisen von illegal im Land befindlichen Menschen so gerechtfertigt, wie jene, dass Betriebe zu Unrecht bezogene Corona-Gelder zurückzahlen sollten. Wichtig ist vor allem und um Himmels willen, dass man sich vor “Wortführern” aller ideologischen Seiten nicht ins Bockshorn jagen lässt. Aber das hat unser aufgeklärtes und allzeit heldenhaftes Bürgertum längst intuitiv erkannt, nicht wahr?

Gerald Grahammer, Lustenau