Leserbrief: Lange Tage – kurze Nächte

Herr Bundeskanzler, ich gehöre zu den wenigen Vätern, die mehr als zwei Monate in Karenz gehen. Momentan kümmere ich mich „Vollzeit“ um meine beiden Kinder. Mein Tag beginnt um 6 Uhr. Bis gegen 20 Uhr beide Kinder wieder im Bett sind, habe ich keine Pause. Ich putze Zähne, wechsle Windeln, koche, spiele, begleite zur Toilette, male, tröste, schlichte, erkläre, putze, füttere, kaufe ein, räume auf, wasche – und vieles mehr. Es sind glückliche Tage, die wir miteinander verbringen. Wir sind gesund. Wir haben keine finanziellen Sorgen. Meine Frau und ich haben gute, sichere Jobs. Wir können uns die Erwerbs-, Sorge- und Hausarbeit aufteilen. Wir haben familiäre Unterstützung, wohnen im Grünen. Es ist uns bewusst, wie privilegiert wir sind, und dass es viele Menschen gibt, die unter ungleich herausfordernderen Rahmenbedingungen Kinder großziehen. Trotzdem sind wir jeden Abend froh, den Tag gemeistert und die Kinder im Bett zu haben. Die Elternschaft verlangt uns alles ab. Vor der Familiengründung haben wir beide in Vollzeit gearbeitet, mit Überstunden. Es war nichts gegen das, was wir jetzt meistern. Jeder kann einmal den falschen Ton treffen. Ich bitte Sie aufrichtig, für eine gleichmäßigere Aufteilung und höhere Wertschätzung von Sorgearbeit einzutreten. Es wäre zum Wohle aller.
Sebastian Vith, Dornbirn