Leserbrief: Das offene Fenster nach dem 11. September

Vor 25 Jahren sahen wir die Bilder der einstürzenden Türme. Ein anderes Bild ist fast vergessen: Wladimir Putin war der erste Staatschef, der George W. Bush anrief. Russland öffnete seinen Luftraum, duldete US-Stützpunkte in Zentralasien und bot Geheimdienstkooperation an – weitgehend ohne Gegenleistung. Zwei Wochen später warb Putin im Bundestag, auf Deutsch, für eine „vollwertige Partnerschaft” mit Europa. Für einen Moment schien möglich, woran eine frühere Generation geglaubt hatte – Gorbatschow, Kohl, Bush senior: ein „gemeinsames europäisches Haus”, ein Kontinent als ein Sicherheitsraum statt zweier Blöcke. Dieses Fenster wurde nicht genutzt. Nicht, weil der Westen keine Kontakte gesucht hätte – die gab es. Sondern weil aus der Annäherung keine dauerhafte, gleichberechtigte europäische Sicherheitsordnung wurde. In Moskau verfestigte sich zunehmend der Eindruck: Kooperation anbieten ja, als Gleichberechtigter mitentscheiden nein. Das entschuldigt nichts, was später kam. Georgien, die Krim und der Überfall auf die Ukraine bleiben Putins Verantwortung – ohne Wenn und Aber. Und doch bleibt eine Tragik: Verloren war an jenem Tag nicht nur die Hoffnung auf eine gemeinsame Antwort auf den Terror, sondern ein Fenster für ein Europa, das seine Sicherheit nicht mehr in Blöcken organisiert. Es stand offen – wir haben es nicht weit genug geöffnet, bis es wieder zufiel.
Hans Mohr, Dornbirn